Die OHB-Aktie steht exakt an ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Bei 241,00 Euro trifft der Kurs fast punktgenau auf die 241,39-Euro-Marke. Das ist mehr als eine technische Fußnote. Für mich entscheidet genau diese Linie, ob die aktuelle Schwäche nur eine Verschnaufpause ist oder der Auftakt zu etwas Größerem.

Zwei Jahre, zwei Geschichten

Wer nur die Jahresbilanz liest, sieht einen Überflieger. Seit Jahresanfang steht ein Plus von 105,98 Prozent, auf Zwölf-Monats-Sicht sind es sogar 236,59 Prozent. Diese Zahlen blenden aber, was seit dem Rekordhoch im Mai passiert ist.

Vom Hoch bei 688,00 Euro hat die Aktie mittlerweile 64,97 Prozent verloren. Allein in den letzten 30 Tagen ging es um 12,20 Prozent nach unten. Zwischen Langfrist-Erfolg und Kurzfrist-Schmerz klafft eine Lücke – und die hat einen konkreten Auslöser.

Die Kapitalerhöhung drückt auf den Kurs

Im Juni hat der Vorstand neue Aktien zu einem Bezugspreis von 300 Euro ausgegeben. Parallel dazu hat der Finanzinvestor KKR einen Teil seiner Anteile am Markt platziert. Insgesamt kamen bis zu 510,7 Millionen Euro zusammen.

Der Streubesitz wächst dadurch von rund 5,7 Prozent auf bis zu 19,2 Prozent. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht: breitere Handelbarkeit erleichtert institutionellen Anlegern den Einstieg. Kurzfristig hat die Umsetzung aber genau das ausgelöst, was zu erwarten war: Verkaufsdruck. Viele neue und alte Aktien kamen binnen weniger Wochen auf den Markt.

Wichtig für die Einordnung: KKR bleibt mit gut 20 Prozent an Bord. Die Familie Fuchs gibt keine einzige Aktie ab und hält weiter gut 60 Prozent. Von einem Ausstieg des Finanzinvestors kann also keine Rede sein. Es ist eine gezielte Verbreiterung der Aktionärsbasis, kein Rückzug.

Fundament, Charttechnik und mein Fazit

Operativ läuft es für OHB weiter rund. Das Unternehmen ist bestätigter ESA-Prime-Auftragnehmer. Verteidigungsminister Boris Pistorius stärkt öffentlich den Ausbau europäischer Startkapazitäten. Diese strukturelle Nachfrage nach europäischer Weltraum- und Verteidigungssouveränität rechtfertigt aus meiner Sicht einen Teil der Bewertung – die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei 4,64 Milliarden Euro.

Charttechnisch zeigt der RSI von 33,7 eine überverkaufte, aber noch nicht panische Lage. Die annualisierte Volatilität von knapp 73 Prozent verrät, wie nervös der Markt die Aktie derzeit handelt. Genau deshalb wird der Test am 200-Tage-Durchschnitt so wichtig.

Mein Fazit: Die fundamentale These rund um OHB als europäischen Raumfahrt-Champion bleibt intakt. Politischer Rückenwind und strategische Aufträge sprechen weiter für das Unternehmen. Der Kurs muss aber erst den Verdauungsprozess der Kapitalerhöhung abschließen, bevor neues Vertrauen entsteht.

Solange der 200-Tage-Durchschnitt nicht nachhaltig unterschritten wird, spricht mehr für eine Konsolidierung nach der Übertreibung als für einen neuen Abwärtstrend. Ein klarer Vertrauensbeweis der Anleger steht aber noch aus.