Eigentlich sollte frisches Kapital für Ruhe sorgen. Bei OHB passiert das Gegenteil: Der Bremer Raumfahrtkonzern hat im Juni knapp 484 Millionen Euro brutto über eine Kapitalerhöhung eingesammelt – und die Aktie fällt seither trotzdem weiter. Aktuell notiert das Papier bei 244,00 Euro, ein Minus von 37,36 Prozent binnen 30 Tagen. Wer sich fragt, warum frisches Geld den Kurs nicht stabilisiert, findet die Antwort im Preis der Kapitalerhöhung selbst.

Ausgangslage: Kapitalerhöhung durch, Kursberuhigung bleibt aus

Ende Juni hatte der Vorstand eine Bezugsrechtskapitalerhöhung von bis zu 8,86 Prozent des Grundkapitals beschlossen. Der Ausgabepreis lag bei 300 Euro je Aktie. Die Transaktion ist formal abgeschlossen, das Kapital ist geflossen.

Nur: Eine Stabilisierung blieb aus. Ein Marktkommentar sprach Mitte Juli bereits von einem anhaltenden Rückwärtsgang, nachdem ein weiterer Stabilisierungsversuch gescheitert war – ohne dass sich an den Geschäftsaussichten etwas geändert hätte. Zu diesem Zeitpunkt lag der Kurs bereits mehr als 20 Prozent unter dem Platzierungspreis. Heute beträgt der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 688,00 Euro satte 64,53 Prozent.

Die entscheidende Frage: Baut sich der Angebotsüberhang ab?

Wer zu 300 Euro gezeichnet hat, sitzt bei aktuellem Kurs deutlich im Minus. Genau das dürfte einen Teil des Verkaufsdrucks der vergangenen Wochen erklären. Institutionelle Anleger, die auf ihre frischen Aktien sitzen und Verluste realisieren, schaffen einen Angebotsüberhang im Markt.

Der RSI von 33,6 signalisiert eine technisch überverkaufte Zone. Ein charttechnischer Kommentar sah darin aber noch kein Bodensignal, solange der Verkaufsdruck hoch bleibt. Ob sich diese Verkaufswelle in den kommenden Wochen erschöpft, dürfte darüber entscheiden, ob der aktuelle Kurs eine Übertreibung markiert – oder erst der Anfang einer längeren Konsolidierung ist.

Bullisches Szenario: Die Wachstumsstory bleibt unangetastet

Befürworter der Aktie verweisen auf das operative Geschäft. Daran habe sich nichts geändert, hieß es in einem Kommentar – die Wachstumsaussichten seien weiterhin glänzend. Mit der abgeschlossenen Kapitalerhöhung verfügt OHB nun über eine breitere Kapitalbasis für seine Pläne. Der Streubesitz hat sich durch die Transaktion strukturell erhöht.

Auch der politische Rückenwind bleibt. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius besuchte das Unternehmen Mitte Juli – ein Signal für anhaltendes politisches Interesse am europäischen Raumfahrt- und Verteidigungssektor. Vorstandschef Marco Fuchs bestätigte zudem, dass OHB neben der Nordsee weitere Standorte für einen Raketenstart von einer schwimmenden Plattform prüft. Das Unternehmen hält an seinen Zukunftsprojekten fest. Über zwölf Monate steht trotz der aktuellen Korrektur ein Plus von 247,58 Prozent.

Bärisches Szenario: Charttechnik trifft auf anhaltenden Verkaufsdruck

Die Gegenseite sieht das Risiko klar in der Charttechnik. Die Aktie notiert mit 244,00 Euro weit unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 378,25 Euro. Über dem 200-Tage-Durchschnitt von 238,82 Euro hat sie sich bislang knapp gehalten.

Ein stabiler Bruch dieser Linie würde die Lage nach Einschätzung eines charttechnischen Kommentars zusätzlich belasten. Hinzu kommt eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von 86,24 Prozent – ein Wert, der auf ein fragiles Marktumfeld hindeutet. Aus dem Sektor kommt derzeit kein Rückenwind: Die SpaceX-Aktie war zwischenzeitlich unter ihren IPO-Kurs gerutscht, was einem Marktkommentar zufolge aktuell kein Argument für ein Comeback des Weltraumsektors liefert. Bleibt der institutionelle Verkaufsdruck bestehen, könnte OHB in eine längere Seitwärts- bis Abwärtsbewegung geraten.

Ausblick: 200-Tage-Linie als Schlüsselmarke

Solange sich der Kurs über dem 200-Tage-Durchschnitt von 238,82 Euro hält, spricht mehr für eine Stabilisierung nach der scharfen Korrektur. Der überverkaufte RSI allein reicht als Kaufsignal aber nicht aus. Rutscht die Aktie nachhaltig unter diese Marke, dürfte sich der Abwärtstrend fortsetzen – zumal die Volumenindikatoren bislang keine Trendwende zeigen.

Der nächste konkrete Beobachtungspunkt: Baut sich der Angebotsüberhang aus der Kapitalerhöhung in den kommenden Wochen ab, oder drücken weitere institutionelle Verkäufe den Kurs zusätzlich? Für die fundamentale Einordnung dürfte der nächste Zwischen- oder Halbjahresbericht zeigen, ob das operative Wachstum die Kursturbulenzen der vergangenen Wochen tatsächlich übersteht.