Der erste erfolgreiche Orbitflug eines europäischen Trägers aus privater Hand treibt die OHB-Aktie am heutigen Montag deutlich nach oben. Isar Aerospace erreichte mit der Mission „Onward and Upward“ vom Weltraumbahnhof Andøya in Norwegen erstmals den Orbit – nach einem gescheiterten ersten Versuch im März 2025. Die OHB-Aktie legt am heutigen Handelstag um 4,7 Prozent auf 194,80 Euro zu, nachdem sie am Freitag noch bei 186,00 Euro geschlossen hatte.

Die Bank Berenberg reagierte auf den geglückten Start mit einer Kaufempfehlung für OHB und nennt ein Kursziel von 358 Euro. Auch für Rocket Lab sprechen die Analysten eine Kaufempfehlung aus, für Avio bleibt es bei „Halten“.

Die Begründung der Analysten liegt in der strukturellen Schwäche der etablierten europäischen Träger: 2025 starteten nur 11 von 164 europäischen Nutzlasten mit Ariane 6 oder Vega C, das entspricht gerade einmal 7 Prozent. Seit Jahresbeginn 2026 war es sogar nur eine von 119 Nutzlasten. Im gleichen Zeitraum liefen 94 Prozent der Starts über SpaceX-Falcon-9-Raketen.

Europäische Trägerraketen-Autonomie als Investmentthese

Der Orbitflug von Isar Aerospace ist mehr als ein technischer Erfolg für ein einzelnes Unternehmen – er markiert einen möglichen Wendepunkt für die europäische Raumfahrtindustrie insgesamt, in der OHB als etablierter Systemanbieter positioniert ist.

Die sogenannte Launcher Challenge der Europäischen Weltraumorganisation umfasst nach Berenberg-Angaben Verpflichtungen von 902 Millionen Euro, von denen bereits 543,6 Millionen Euro vertraglich gebunden sind. Rund 70 Prozent der jährlichen Masse europäischer Nutzlasten über einer Tonne könnten künftig von alternativen Trägern wie jenem von Isar Aerospace profitieren.

Deutschland, Norwegen, Schweden und Großbritannien treiben die Bemühungen um eine unabhängige Startkapazität voran. Bundeskanzler Merz hatte den Startplatz in Norwegen bereits im März besucht. Die Bestrebungen fallen in eine Zeit, in der Europa seine Abhängigkeit von US-amerikanischen Anbietern wie SpaceX reduzieren will – ein Ziel, von dem auch OHB als Zulieferer und Systemintegrator im Raumfahrtsektor profitieren könnte.

Charttechnisches Bild bleibt angespannt

Trotz der positiven Nachrichtenlage zeigt der Chart deutliche Bremsspuren. Die Aktie notiert derzeit rund 19 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 239,51 Euro – ein Hinweis darauf, dass der jüngste Kurssprung den mittelfristigen Abwärtstrend bislang nicht durchbrochen hat.

Von ihrem 52-Wochen-Hoch bei 688,00 Euro, erreicht im Mai, ist das Papier weiterhin weit entfernt. Der starke Kursverfall der vergangenen Wochen – unter anderem ausgelöst durch eine Kapitalerhöhung vor über einem Monat – hat tiefe Spuren hinterlassen.

Vor diesem Hintergrund wirkt die heutige Kursreaktion wie ein Befreiungsschlag, der aber vom Gesamtbild relativiert werden muss. Für Anleger bleibt die Investmentstory intakt: Sollte sich die europäische Trägerraketen-Diversifizierung als tragfähiger Trend erweisen, dürfte OHB als etablierter Player im Raumfahrtsektor zu den Profiteuren zählen.

Die Kaufempfehlung von Berenberg mit einem Kursziel deutlich über dem aktuellen Niveau signalisiert entsprechendes Vertrauen der Analysten in diese langfristige Perspektive.