Während der Aktienkurs von OHB seit Wochen unter Druck steht, hat das Unternehmen am Dienstag ein Trainingssystem für die Raumstation qualifiziert, über das kaum jemand spricht. Für mich ist genau das der interessantere Blick auf den Konzern als jede weitere Zeile über Verwässerung und Freefloat.
Ein Detail mit Signalwert
„EasyMotion-2“ soll im Auftrag der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR untersuchen, wie wirksam elektrische Muskelstimulation gegen Muskelschwund in der Schwerelosigkeit ist.
Klingt nach einer Randnotiz im Vergleich zu Milliarden-Aufträgen wie Iris², ist aber unterm Strich genau das, was OHB von reinen Zulieferern unterscheidet: die Fähigkeit, wissenschaftliche Nutzlasten bis zur Flugreife zu bringen und operativ auf der ISS zu betreiben. Wer nur auf Auftragsvolumina schaut, übersieht diese Kompetenzbreite leicht.
Ich halte diesen Punkt für relevanter, als er in der aktuellen Berichterstattung gewichtet wird, weil er zeigt, dass das operative Geschäft weiterläuft, während die Aktie an der Börse eine ganz andere Geschichte erzählt.
Der Kurs erzählt eine andere Geschichte
Und die ist derzeit unbequem. Der Titel notiert bei 193,00 Euro, nach einem Minus von 0,8 Prozent im heutigen Handel. Über sieben Tage steht ein Rückgang von 16 Prozent zu Buche, über 30 Tage sind es 18 Prozent.
Marktbeobachtungen führen das auf eine Sektorkorrektur nach dem Börsengang von SpaceX sowie auf den größeren Freefloat nach der im Juni abgeschlossenen Kapitalerhöhung zurück, bei der OHB neue Aktien zu je 300 Euro ausgab und Großaktionär KKR parallel Bestandsaktien verkaufte.
Für mich ist das ein Fall, in dem strukturelle Marktmechanik und operative Realität auseinanderlaufen. Mehr Aktien im Umlauf drücken den Kurs unabhängig davon, ob das Unternehmen liefert oder nicht. Genau deshalb lohnt es sich, zwischen Kursbewegung und Geschäftsentwicklung zu trennen, statt beides in einen Topf zu werfen.
Zahlen, die die Prognose stützen
Die im vergangenen Monat vorgelegten Ergebnisse für das zweite Quartal 2026 liefern dafür Anhaltspunkte. Trotz eines Verlusts von 0,27 Euro je Aktie bestätigte OHB die Jahresprognose: eine Gesamtleistung von rund 1,4 Milliarden Euro bei einer bereinigten EBITDA-Marge zwischen 10,5 und 11 Prozent.
Ein negatives Quartals-EPS bei bestätigter Jahresguidance ist kein Widerspruch, sondern in einem Projektgeschäft mit Anlaufkosten und Meilensteinabrechnungen eher die Regel. Wer daraus eine Verschlechterung der Geschäftslage ableitet, überinterpretiert eine einzelne Kennziffer.
Die Analysten von Oddo BHF sahen das am Mittwoch ähnlich und stuften die Aktie von „Neutral“ auf „Outperform“ hoch, mit einem Kursziel von 290 Euro. Analyst Stephane Beyazian bezeichnete OHB dabei als „beste europäische Option im Weltraumrennen“.
Bemerkenswert ist, dass dieses Votum den Ausverkauf bislang nicht gestoppt hat – ein Hinweis darauf, dass technische Faktoren wie der erhöhte Freefloat derzeit stärker wirken als fundamentale Neubewertungen.
Mein Fazit
Ich sehe bei OHB zwei Ebenen, die momentan nicht zusammenpassen: ein Geschäft, das mit Projekten wie EasyMotion-2, dem MEO-Segment von Iris² und einer bestätigten Jahresprognose operativ funktioniert, und einen Kurs, der von der Verdauung der Kapitalerhöhung und einer sektorweiten Korrektur nach dem SpaceX-Börsengang belastet wird. Beides gehört getrennt bewertet.
Für Anleger, die an die industrielle Substanz des Unternehmens glauben, dürfte die aktuelle Schwäche eher eine Frage der Marktmechanik als der Geschäftsqualität sein.
Wer dagegen kurzfristig auf Kursstabilität setzt, muss damit rechnen, dass der größere Freefloat noch eine Weile Nachfrage und Angebot austariert, bevor sich eine neue Bewertung einpendelt. Die kommenden Konferenztermine im September und die Neunmonatszahlen im November dürften zeigen, welche der beiden Ebenen sich durchsetzt.
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