Es gibt Aktien, die erzählen eine Geschichte über ein Unternehmen. Und es gibt Aktien, die erzählen eine Geschichte über eine ganze Epoche. Oracle ist gerade Letzteres geworden – ein Lackmustest dafür, wie viel Vertrauensvorschuss die Börse dem KI-Boom noch gewährt, bevor sie nach der Rechnung fragt.

Gestern ging der Kurs um 2,5 Prozent zurück, nachdem Berichte über einen negativen freien Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar für das abgelaufene Geschäftsjahr sowie über Gesamtschulden von 122 Milliarden Dollar die Runde machten. Das ist kein Beinbruch für ein Unternehmen dieser Größenordnung – aber es ist der Moment, in dem Anleger innehalten und rechnen: Wie lange kann man Milliarden in Rechenzentren pumpen, bevor die Cash-Maschine ins Stottern gerät?

Der Widerspruch, der Oracle gerade ausmacht

Auf der einen Seite steht ein Auftragsbestand, der seinesgleichen sucht: 638 Milliarden Dollar an noch abzuarbeitenden Verpflichtungen, davon rund 300 Milliarden allein aus Verträgen mit OpenAI. Das ist keine vage Zukunftshoffnung, sondern gebuchtes Geschäft.

Erst vor zwei Wochen besiegelte Oracle mit Amazon Web Services eine erweiterte Kooperation, die Oracle AI Database@AWS künftig in 22 AWS-Regionen verfügbar macht – ein Beleg dafür, dass selbst Konkurrenten die Datenbank-Infrastruktur von Oracle brauchen.

Auf der anderen Seite: ein Unternehmen, das offenbar so schnell baut, dass ihm das Geld für den Bau schneller ausgeht, als neue Kunden zahlen können. Mitte August wurden Berichte über bevorstehenden Stellenabbau bekannt – ausgerechnet in einer Phase, in der Oracle gleichzeitig Milliarden in neue Rechenzentren steckt.

Eines davon, das Projekt „Jupiter“ in New Mexico, soll über 15 Jahre 13,5 Millionen Gallonen nicht trinkbares Wasser verbrauchen, allein 11 Millionen davon für die Erstbefüllung der Kühlsysteme. Es ist ein kleines, aber sprechendes Detail: Die KI-Infrastruktur der Zukunft braucht nicht nur Kapital, sie braucht auch physische Ressourcen in einem Ausmaß, das viele Anleger erst jetzt begreifen.

Die Short-These, die nicht verschwinden will

Dass ausgerechnet Michael Burry – bekannt für seine frühe Wette gegen den US-Immobilienmarkt – Mitte August eine Short-Position gegen Oracle offenlegte, hat die Debatte zusätzlich angeheizt. Sein Argument: Oracle strecke die Abschreibung seiner KI-Grafikchips zu langsam und poliere damit den ausgewiesenen Gewinn künstlicher, als er ist.

Ob diese These trägt oder nicht – sie trifft einen Nerv. Denn die gesamte Bewertung von Oracle hängt inzwischen davon ab, wie man Investitionen in physische KI-Hardware bilanziell behandelt, nicht mehr nur davon, wie viele Datenbank-Lizenzen verkauft werden.

Der Analyst Andy Yu von DBS bekräftigte am Montag seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 310 Dollar und verwies auf die anhaltend starke Nachfrage nach Cloud-Infrastruktur – trotz der Marktsorgen über die Höhe der KI-Ausgaben. Es ist die optimistische Lesart derselben Zahlen, die Burry pessimistisch stimmen.

Was am 8. September zur Nagelprobe wird

Die eigentliche Antwort auf die Frage, wer recht behält, dürfte sich am 8. September andeuten, wenn Oracle die Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 vorlegt. Der Konsens erwartet einen Umsatz von 19,14 Milliarden Dollar und einen Gewinn je Aktie von 1,72 Dollar.

Entscheidend wird weniger die Umsatzzahl selbst sein als die Frage, ob Oracle zeigen kann, dass aus dem gigantischen Auftragsbestand tatsächlich Cash wird – und nicht nur weiterer Kapitalbedarf.

Der Kurs notiert derzeit rund 59 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch vom 10. September vergangenen Jahres. Das ist die nüchterne Kehrseite der Euphorie, die Oracle vor knapp einem Jahr auf Rekordniveau trieb.

Die eigentliche Geschichte hinter dieser Aktie ist längst keine reine Oracle-Geschichte mehr. Sie ist die Geschichte darüber, ob die gesamte KI-Infrastrukturwelle sich selbst finanzieren kann – oder ob sie, wie so viele Bauwellen vor ihr, erst einmal an der eigenen Kapitalintensität ersticken muss, bevor sie Früchte trägt.