Ein Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar, ein Kurs nahe am 52-Wochen-Tief. Bei Oracle klaffen Zahlen und Vertrauen gerade so weit auseinander wie selten bei einem Schwergewicht der Tech-Branche.

Am Freitag legte die Aktie um 1,79 Prozent auf 110,56 Euro zu. Klingt nach Erholung, ist aber kaum mehr als ein Zucken. Der Kurs liegt nur 5,20 Prozent über dem frischen 52-Wochen-Tief von 105,10 Euro, das erst zwei Tage zuvor markiert wurde. Auf Jahressicht hat die Aktie fast die Hälfte ihres Wertes verloren.

Ein Auftragsbuch wie eine kleine Volkswirtschaft

Was Oracles Absturz so ungewöhnlich macht: Er hat nichts mit einbrechender Nachfrage zu tun. Die sogenannten Remaining Performance Obligations, also der vertraglich gesicherte, aber noch nicht abgerechnete Auftragsbestand, explodierten im Jahresvergleich um 363 Prozent auf 638 Milliarden Dollar.

Das Cloud-Infrastrukturgeschäft wuchs im Juni-Quartal um 93 Prozent. Cloud macht mittlerweile 52 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Das Management hält an seinem Ziel von 90 Milliarden Dollar Umsatz für das Geschäftsjahr 2027 fest, verbunden mit einem Gewinnziel von 8,05 Dollar je Aktie auf non-GAAP-Basis.

Diese Kombination aus Rekord-Auftragsbestand und Kurs nahe historischer Tiefs spaltet die Analystenzunft wie selten zuvor. Guggenheim-Analyst John DiFucci hält an einem Kursziel von 400 Dollar fest und kürt Oracle zu seinem Top-Softwarewert für 2026. Sein Argument: Es gebe „keinen erkennbaren guten Grund“ für den Ausverkauf. Die Sorge um kurzfristige Margendruck übertöne seiner Ansicht nach ein beispielloses Signal aus dem Auftragsbestand. Der Analystenkonsens sieht das nüchterner — er taxiert das Kursziel bei 220,14 Euro, was zwar rund 99 Prozent Aufwärtspotenzial bedeuten würde, aber weit von Guggenheims Ausreißer-Prognose entfernt liegt.

Cash-Verbrennung trifft auf eine störrische Pipeline in New Mexico

Die Spannung zwischen Auftragsoptimismus und Marktskepsis zeigt sich sehr konkret in der Wüste bei Santa Teresa, New Mexico. Dort ist Oracles Projekt Jupiter geplant, ein Rechenzentrum für KI-Training. Die Behörden des Bundesstaates haben nun bereits zum zweiten Mal einen Antrag für eine Gaspipeline über Staatsland abgelehnt.

Die Landbehörde begründete die Entscheidung damit, eine Genehmigung liege nicht „im besten Interesse“ des Bundesstaates. Ohne die Pipeline fehlt dem geplanten Rechenzentrum die Energieversorgung für seine Brennstoffzellen.

Oracle gibt sich gelassen. Der Bau liege im Zeitplan, das Projekt bringe erhebliche wirtschaftliche Vorteile für New Mexico, teilt das Unternehmen mit. Ein Sprecher nennt es ein Projekt, das „für und von New-Mexico-Bewohnern gebaut“ werde. Externe Beobachter sind skeptischer: Das Analysehaus SemiAnalysis rechnet damit, dass der Standort erst 2029 ans Netz geht — zwei Jahre später als ursprünglich geplant für 2027. Grund: Es fehlen bislang sowohl die Luftqualitätsgenehmigung als auch die Gaspipeline für die Brennstoffzellen.

Eine zweijährige Verzögerung an einem der Vorzeigestandorte, die den 638-Milliarden-Dollar-Auftragsbestand tragen sollen — genau das ist die Art von Ausführungsrisiko, mit der Skeptiker argumentieren, die Umwandlung der Aufträge in tatsächlichen Umsatz sei theoretischer, als es die Prognosen des Managements nahelegen.

Was der Chart sagt

Technisch steckt Oracle in einer Zone, die üblicherweise eine Entscheidung erzwingt. Der 14-Tage-RSI von 29,0 signalisiert klare Überverkauft-Situation. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 47,23 Prozent zeigt, wie heftig die Aktie in beide Richtungen schwankt — der Freitagsgewinn kam gerade einmal zwei Tage nach dem frischen Jahrestief.

Die Wochen bis zur Entscheidung

Oracles nächste Quartalszahlen stehen erst Mitte September an. Bis dahin fehlt ein unternehmensinterner Auslöser, der den Streit zwischen Auftragsbestand-Optimisten und Cash-Burn-Pessimisten auflösen könnte. Die Aktie dürfte also vorerst von der allgemeinen Marktstimmung gegenüber zinssensiblen KI-Infrastrukturwerten getrieben werden — und von einzelnen Meldungen aus New Mexico, wo der Genehmigungsstreit um die Brennstoffzellen-Pipeline mit einer weiteren Anhörung im späteren Jahresverlauf weitergeht.

Für eine derart überverkaufte Aktie könnte schon eine leichte Entwarnung beim Jupiter-Zeitplan mehr bewegen als jede einzelne Cloud-Wachstumszahl. Mit einer Marktkapitalisierung von 312,74 Milliarden Euro zählt Oracle zu den größten Namen, die der Markt derzeit so bepreist, als seien die KI-Ambitionen fragiler als der Auftragsbestand vermuten lässt. Ob sich diese Lücke nach oben in Richtung des Konsensziels von 220,14 Euro schließt oder nach unten zu neuen Tiefs — das dürfte weniger von den Quartalszahlen abhängen als davon, ob die Baumannschaften in der Chihuahua-Wüste jemals ihre Pipeline bekommen.