Es gibt Aktien, an denen sich exemplarisch zeigt, wie der KI-Boom die Finanzlogik ganzer Konzerne umschreibt. Oracle ist derzeit das Paradebeispiel dafür. Wer verstehen will, warum diese Aktie binnen einer Woche zweistellig zulegt und binnen zwölf Monaten trotzdem deutlich verliert, muss zwei Geschichten gleichzeitig erzählen: die vom Auftragsboom und die von der Bilanz, die dafür bezahlt.

Beginnen wir mit der schönen Geschichte. Anfang August meldete Oracle einen Kurssprung um 9,22 Prozent auf 141,85 US-Dollar, ausgelöst durch eine neue Google-Cloud-Partnerschaft, mehrere Vertragsabschlüsse und anhaltend starke Nachfrage im KI-Geschäft. Wenige Tage später kam ein 400-Millionen-Dollar-Auftrag von CACI zur Modernisierung von HR-Systemen hinzu, dazu die Ausweitung von Oracle Health auf Krankenhäuser in Ontario und die Integration von Googles Gemini-KI in die Fusion- und NetSuite-Plattformen. Bereits im Juli hatte Oracle einen Zehnjahresvertrag mit dem US-Verteidigungsministerium unter dessen Enterprise Software Initiative gewonnen – ein Rahmenvertrag mit einem Basiswert von 3,31 Milliarden US-Dollar für die ersten fünf Jahre, der sich bei Ausübung aller Optionen auf bis zu 6,99 Milliarden US-Dollar summieren könnte.

Die Kehrseite der Wachstumswette

Und jetzt die andere Geschichte. Im Berichtsquartal zum vierten Geschäftsquartal des Fiscal Year 2026 stiegen die Gesamterlöse laut Pflichtmitteilung um 21 Prozent auf 19,2 Milliarden US-Dollar, das Cloud-Infrastrukturgeschäft wuchs sogar um 93 Prozent auf 5,8 Milliarden US-Dollar. Der Auftragsbestand, die sogenannten Remaining Performance Obligations, kletterte im Quartal um 85 Milliarden auf 638 Milliarden US-Dollar. Für das Geschäftsjahr 2027 hält Oracle an einer Umsatzprognose von 90 Milliarden US-Dollar fest und hob die erwartete bereinigte Gewinnkennziffer auf 8,05 US-Dollar an.

Diese Zahlen sind eindrucksvoll – sie haben aber ihren Preis. Der freie Cashflow lag im Geschäftsjahr 2026 bei minus 23,7 Milliarden US-Dollar, weil Oracle massiv in den Ausbau seiner Cloud-Infrastruktur investiert. Finanziert wird das über frisches Fremdkapital: 43 Milliarden US-Dollar an neuen Schulden nahm der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr auf, ergänzt durch 5 Milliarden US-Dollar an Eigenkapitalfinanzierung. Bis Ende Mai türmte sich laut Medienberichten eine Schuldenlast von rund 130 Milliarden US-Dollar auf. Die Ratingagentur S&P Global reagierte darauf Ende Juli mit einer Herabstufung auf BBB- – nur eine Stufe über Ramschniveau.

Das ist der eigentliche Kern der Oracle-Geschichte in diesem Sommer: ein Unternehmen, das sich für die KI-Infrastrukturwette hoch verschuldet, während die Aufträge gleichzeitig schneller wachsen als die eigene Fähigkeit, sie aus dem operativen Geschäft zu bezahlen. Bezeichnend ist auch, dass Firmengründer und Chief Technology Officer Larry Ellison im vergangenen Juni 346 Millionen Oracle-Aktien als Kreditsicherheit verpfändet hatte – ein Fingerzeig darauf, wie eng das persönliche Engagement der Führung mit der Kapitalstruktur des Konzerns verwoben ist.

Was der Markt aktuell einpreist

Die UBS bewertete die Lage am 6. August mit einem gesenkten Kursziel von 245 auf nunmehr 245 US-Dollar – Analyst Karl Keirstead beließ die Einstufung dennoch bei Kaufen. Das signalisiert: Trotz Schuldenlast und Cashflow-Loch bleibt die grundsätzliche Wachstumsstory für manche Beobachter intakt, auch wenn die Risikoprämie steigt.

Am Markt schlägt sich diese Ambivalenz in erratischen Kursbewegungen nieder. Aktuell notiert die Oracle-Aktie bei 125,56 Euro, nach einem Tagesplus von 1,03 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Zugewinn von 11,47 Prozent, doch seit Jahresbeginn liegt das Papier mit 24,45 Prozent im Minus, auf Zwölfmonatssicht sogar mit 41,35 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 294,85 Euro, erreicht im September vergangenen Jahres, trennen die Aktie inzwischen mehr als die Hälfte des Wertes. Die annualisierte Volatilität von 58,18 Prozent zeigt, wie nervös der Handel derzeit auf jede neue Information reagiert.

Am 7. September wird Oracle die nächsten Quartalszahlen vorlegen. Dann dürfte sich zeigen, ob die milliardenschweren Neuaufträge tatsächlich beginnen, das Cashflow-Loch zu stopfen – oder ob der Konzern seine Wachstumswette mit noch mehr Fremdkapital verteidigen muss. Wird aus dem Infrastruktur-Wettrüsten der KI-Branche am Ende ein Balanceakt, den nicht jeder Anbieter überstehen wird? Oracle hat sich jedenfalls entschieden, ganz vorne mitzuspielen.