Heute nach US-Handelsschluss legt Oracle die Zahlen zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die reine Wachstumsrate als die Frage, wie der Konzern seinen gewaltigen Kapitalbedarf für den KI-Ausbau stemmt — und ob sich der Auftragsbestand schnell genug in echte Umsätze verwandelt.

Erwartungen an die Bilanz

Der Analystenkonsens rechnet für das erste Quartal mit einem Gewinn je Aktie von 1,74 US-Dollar, nach 1,01 US-Dollar im Vorjahresquartal. Beim Umsatz liegt die Schätzung bei 19,13 Milliarden US-Dollar, deutlich über den 14,93 Milliarden US-Dollar aus dem Vorjahreszeitraum.

Oracle selbst hatte im Juni eine Wachstumsspanne von 27 bis 29 Prozent für die Gesamterlöse und von 58 bis 64 Prozent für die Cloud-Erlöse in Aussicht gestellt.

Für das Gesamtjahr bestätigte der Konzern die Umsatzprognose von 90 Milliarden US-Dollar und hob das Non-GAAP-Gewinnziel je Aktie auf 8,05 US-Dollar an. Diese Zielmarken bilden nun die Messlatte für den heutigen Ausblick.

Die Kapitalfrage bleibt der Knackpunkt

Im Geschäftsjahr 2026 hatte Oracle 43 Milliarden US-Dollar an Fremdkapital und 5 Milliarden US-Dollar an Eigenkapital aufgenommen, um das Investitionstempo im Cloud-Geschäft zu finanzieren. Für das laufende Jahr plant der Konzern mit weiteren rund 40 Milliarden US-Dollar aus beiden Instrumenten, darunter ein bereits angekündigtes Aktienprogramm über 20 Milliarden US-Dollar. Zusätzliche Anleihen sind für das laufende Kalenderjahr nicht vorgesehen.

Bernstein-Analyst Mark Moerdler bezeichnet die Oracle-Aktie als „extrem umstritten“ und volatil, sieht das Unternehmen aber nahe dem Ende seines zusätzlichen Kapitalbedarfs. Seine These: Die Cloud-Infrastruktursparte OCI wachse schneller als die Cloud-Sparten von Microsoft, Alphabet und Amazon, während sich Umsatz und Gewinn in der laufenden Investitionsphase beschleunigen dürften.

Mit einem Kursziel von 325 US-Dollar zählt er zu den größten Optimisten am Markt — bezogen auf den Schlusskurs vom 9. September von 161,63 US-Dollar entspräche das nahezu einer Verdopplung.

Gespaltenes, aber überwiegend positives Bild

Der breitere Analystenkonsens fällt deutlich optimistisch aus: Von 31 erfassten Häusern stufen 27 die Aktie mit Buy ein, vier mit Hold, keines rät zum Verkauf. Die Kursziele reichen von 145 bis 400 US-Dollar und spiegeln damit erhebliche Unsicherheit über Tempo und Rentabilität des Investitionsprogramms.

Die jüngsten Einschätzungen zeigen die Bandbreite: TD Cowen senkte sein Ziel zuletzt von 300 auf 240 US-Dollar, hielt aber an Buy fest. Mizuho rief ein Ziel von 320 US-Dollar aus, ebenfalls mit Buy-Einstufung. Morgan Stanley bleibt mit Hold und einem Kursziel von 210 US-Dollar skeptischer, während Bank of America bei Buy und 240 US-Dollar liegt.

Der heutige Earnings Call dürfte vor allem zeigen, wie das Management den weiteren Kapitalbedarf für die geplanten Rechenzentrumsinvestitionen von rund 95 Milliarden US-Dollar im laufenden Geschäftsjahr einordnet.

Entscheidend wird sein, ob sich der Auftragsbestand in der Cloud-Infrastruktursparte tatsächlich in beschleunigte Umsätze übersetzt — genau daran entzündet sich die Debatte zwischen Bernsteins Optimismus und der vorsichtigeren Haltung von Morgan Stanley.