Vorbörslich notiert die Oracle-Aktie heute bei 123,84 Euro und legt damit um 0,8 Prozent zu. Doch der Blick auf das laufende Börsenjahr ernüchtert: Seit Jahresanfang steht ein Minus von 25 Prozent zu Buche. Dieser deutliche Rücksetzer spiegelt das zentrale Dilemma des US-Softwarekonzerns wider.

Auf der einen Seite belegen spektakuläre Großaufträge die enorme Nachfrage nach Oracles Cloud-Infrastruktur. Auf der anderen Seite frisst der beispiellose Ausbau der Rechenkapazitäten gewaltige Summen und treibt das finanzielle Risiko in ungeahnte Höhen. Für Anleger spitzt sich die Lage zu einem riskanten Drahtseilakt zu.

Großauftrag aus Asien als willkommene Entlastung

Wie die Financial Times berichtet, steht Oracle vor einem massiven Neugeschäft mit Tencent. Der chinesische Technologiekonzern soll einen fünfjährigen Mietvertrag über den Zugriff auf rund 100.000 fortschrittliche KI-Chips in südostasiatischen Rechenzentren vereinbart haben.

Das Vertragsvolumen wird auf rund 7 Milliarden US-Dollar beziffert. Weder Tencent noch Oracle haben den Abschluss bisher bestätigt, und die Nachrichtenagentur Reuters konnte die Vereinbarung nicht unabhängig verifizieren.

Sollte sich die Vereinbarung bewahrheiten, wäre dies für Oracle strategisch ein echter Befreiungsschlag. Der Konzern würde damit die dringend benötigte Diversifizierung seines Kundenstamms vorantreiben.

Bislang hängt die Expansion im KI-Segment stark an wenigen Großkunden; das Analysehaus D.A. Davidson schätzte, dass allein OpenAI rund die Hälfte von Oracles Auftragsbestand für Rechenleistung ausmacht. Ein Abkommen mit Tencent würde diese gefährliche Klumpenbildung verringern.

Da chinesische Unternehmen wegen strenger US-Exportkontrollen im Heimatland kaum an moderne Hardware gelangen, weichen sie vermehrt auf ausländische Standorte aus. Zudem soll die Vereinbarung eine Vorauszahlung von rund 30 Prozent vorsehen. Frische Liquidität kann Oracle derzeit dringend gebrauchen.

Der freie Cashflow stürzt tief ins Minus

Das operative Rekordtempo hat eine beunruhigende Kehrseite, wie die jüngsten Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 belegen. Zwar wuchs der Umsatz der Oracle Cloud Infrastructure im Jahresvergleich um beeindruckende 121 Prozent. Der gesamte Quartalsumsatz kletterte auf 19,345 Milliarden US-Dollar. Um dieses Wachstum überhaupt zu bewältigen, zogen die Investitionsausgaben jedoch drastisch an.

In der Folge brach der freie Cashflow im Quartal auf minus 5,396 Milliarden US-Dollar ein. Zwar sicherte sich das Management über ein großes Aktienprogramm Nettoerlöse von knapp 20 Milliarden US-Dollar, doch diese massive Kapitalaufnahme verwässert die Altaktionäre.

Die Hoffnung ruht nun auf den vertraglichen Verpflichtungen: Die noch nicht als Umsatz erfassten Aufträge kletterten zum Quartalsende auf 664 Milliarden US-Dollar. Allerdings fließt dieses Geld erst bei tatsächlicher Leistungserbringung, während die milliardenschweren Ausgaben für Hardware und Bauprojekte sofort fällig werden.

Verzögerungen bedrohen den ambitionierten Zeitplan

Erschwerend kommen operative Reibungsverluste auf den Baustellen hinzu. Das Vorhaben Project Jupiter in New Mexico soll künftig 2,45 Gigawatt Kapazität liefern, doch das Projekt kämpft mit Verzögerungen bei der Stromversorgung und ausstehenden Genehmigungen. Zuletzt verschickte Oracle vorsorglich eine Mitteilung wegen höherer Gewalt an den Projektpartner STACK Infrastructure.

Auch wenn Überschwemmungen die kritische Infrastruktur vor Ort nicht beschädigten, zeigt der Vorfall die Verwundbarkeit der Ausbaupläne. Verzögerungen bei der Stromversorgung und Brennstoffzellen-Infrastruktur könnten den geplanten Betriebsstart im Jahr 2028 gefährden.

Fazit: Hohe Chancen, aber wachsende Bilanzrisiken

Unterm Strich steht Oracle an einer kritischen Wegscheide. Die Unternehmensführung beweist strategischen Mut und sichert sich milliardenschwere Verträge, doch das Expansionstempo gerät an physikalische und finanzielle Grenzen.

Für mich überwiegen auf dem ermäßigten Kursniveau zwar langfristig die Chancen der Cloud-Transformation, doch kurzfristig spricht die Kombination aus negativem Cashflow und hoher Schuldenlast gegen eine schnelle Entwarnung. Oracle muss nun beweisen, dass die versprochene Rechenkapazität termingerecht ans Netz geht, bevor der enorme Kapitalbedarf die Geduld der Aktionäre überstrapaziert.