Larry Ellison hat seinen 10b5-1-Verkaufsplan für Oracle-Aktien storniert. Keine einzige Aktie wurde im Rahmen dieses Plans veräußert, und weitere Verkaufsabsichten bestehen laut Unternehmensangaben derzeit nicht. Für mich ist das die eigentliche Nachricht dieser Woche – nicht die Quartalszahlen vom Donnerstag, über die längst alles gesagt ist.

Man kann diese Volte natürlich als reine Symbolik abtun. Doch unterm Strich sendet ein Gründer und Executive Chair, der sich Geld auf dem Tisch liegen lässt, ein stärkeres Signal als jede Analystennotiz. Wer an der Spitze eines Unternehmens sitzt und just in einer Phase überbordender Investitionen nicht verkauft, wettet öffentlich auf die eigene Strategie.

Die Zahlen sprechen für sich – und gegen die Kursreaktion

Oracle hat im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Gewinn je Aktie von 1,92 US-Dollar bereinigt ausgewiesen, deutlich über den erwarteten 1,74 US-Dollar.

Der Umsatz kletterte um 30 Prozent auf 19,35 Milliarden US-Dollar, während das Cloud-Infrastrukturgeschäft regelrecht explodierte: plus 121 Prozent auf 7,4 Milliarden US-Dollar. Für das Gesamtjahr stellt Oracle einen Umsatz von mindestens 90 Milliarden US-Dollar und einen bereinigten Gewinn je Aktie von 8,10 US-Dollar in Aussicht.

Dass die Aktie trotzdem nachgab – seit Donnerstag um 1,4 Prozent, über die vergangenen sieben Handelstage sogar um 5,1 Prozent –, zeigt für mich vor allem eines: Der Markt ist bei Oracle inzwischen so anspruchsvoll wie bei einem Wachstumstitel im Reinformat, obwohl das Unternehmen operativ eher die Substanz eines Softwarekonzerns mitbringt.

Das Papier notiert derzeit bei 129,72 Euro und liegt damit rund 55 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 288,95 Euro. Wer sich diese Diskrepanz vor Augen führt, versteht, wie tief das Vertrauen der Anleger in den vergangenen Monaten gelitten hat.

Die Kehrseite der Wachstumsstory ist der Cashflow. Bei einem operativen Rekord-Mittelzufluss von 23 Milliarden US-Dollar im Quartal standen Investitionen von 28,5 Milliarden US-Dollar gegenüber – macht unterm Strich einen negativen freien Cashflow von 5,4 Milliarden US-Dollar. Das ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck einer bewussten Entscheidung: Oracle baut Rechenzentrumskapazität in einem Tempo aus, das kurzfristig auf die Marge drückt.

Im ersten Quartal kamen 850 Megawatt zusätzliche Kapazität hinzu, und der Auftragsbestand (Remaining Performance Obligations) erreichte 664 Milliarden US-Dollar – darunter mehr als 30 Milliarden US-Dollar an neuen KI-Cloud-Verträgen allein in diesem Quartal.

Warum die Kapitalintensität für mich kein Warnsignal ist

Genau hier liegt für mich der Kern der Investmentthese: Wer heute in Oracle investiert, kauft keine ruhige Cash-Cow, sondern eine Wette auf die Monetarisierung eines gigantischen Auftragspolsters. Die Diskrepanz zwischen Auftragsbestand und Cashflow ist der Preis dieser Wette – und sie erklärt, warum sich die Analystenmeinungen derzeit auseinanderbewegen.

UBS hob das Kursziel am Freitag auf 250 US-Dollar von zuvor 245 US-Dollar an, während BMO Capital am selben Tag sein Ziel von 220 auf 195 US-Dollar senkte. Diese Spreizung spiegelt exakt die offene Frage wider: Rechtfertigt das Auftragswachstum die explodierenden Kapitalausgaben, oder frisst die Infrastruktur-Offensive die Marge auf Jahre hinaus?

Regulatorisch bleibt zudem die EU-Prüfung der Softwarelizenzierung im Raum, die vor rund zwei Wochen bekannt wurde – seither hat sich die Aktie um 3,1 Prozent erholt, was zeigt, dass Anleger dieses Risiko derzeit nicht als existenziell einstufen.

Auch die Aussagen von Finanzchefin Hilary Maxson und CEO Clay Magouyrk, wonach am Standort in New Mexico keine Verzögerungen gegenüber der Jahresprognose zu erwarten seien, nehme ich als Bestätigung, dass das Management die operativen Risiken im Griff behält.

Mein Fazit: Die Kombination aus Rekordauftragsbestand, aggressivem Infrastrukturausbau und einem Gründer, der demonstrativ nicht verkauft, spricht für mich eher für Zuversicht als für Zweifel.

Die Volatilität der vergangenen Monate dürfte bleiben, solange der freie Cashflow negativ ist. Wer aber an die langfristige Monetarisierung der 664-Milliarden-Dollar-Pipeline glaubt, findet in Ellisons Verhalten ein Indiz, das schwerer wiegt als der kurzfristige Kursrutsch.