Oracle steckt mitten in einer zweiten Entlassungswelle, meldet zugleich Rekordwachstum im Cloud-Geschäft – und nun wird die Konzernspitze vom US-Kongress vorgeladen. Der House Veterans‘ Affairs Committee hat Chairman Larry Ellison und Co-CEO Mike Sicilia unter Eid einbestellt.
Ellison soll am 10. Dezember aussagen, Sicilia bereits am 19. November. Hintergrund ist eine ohne Ausschreibung vergebene Erweiterung des Vertrags zur elektronischen Patientenakte des Veteranenministeriums: Die Obergrenze wurde von 10 Milliarden auf 27 Milliarden Dollar verdreifacht, ein Zuwachs von 17 Milliarden Dollar.
Die Vorladung trifft Oracle in einer ohnehin angespannten Phase. Seit dem 14. September läuft eine zweite Kündigungsrunde, die zunächst in den USA begann und inzwischen auch Indien erreicht hat. Betroffen sind vor allem das Produkt-Engineering, in geringerem Umfang Support- und Consulting-Bereiche.
Offizielle Zahlen nennt Oracle nicht, Schätzungen sprechen von bis zu 3.000 betroffenen Stellen allein in Indien. Im vergangenen Geschäftsjahr bis Ende Mai war die Belegschaft bereits um rund 21.000 Stellen beziehungsweise 13 Prozent geschrumpft.
CFO warnt vor „mehr mit weniger“
CFO Hilary Maxson, seit April im Amt, richtete bei einer Betriebsversammlung deutliche Worte an die Belegschaft: Das Prinzip „mehr mit weniger“ sei kein tragfähiger Weg, stattdessen müssten Prozesse ohne Kundennutzen konsequent vereinfacht werden.
Parallel bestätigte Oracle in einer SEC-Meldung, den Restrukturierungsplan für 2026 um rund 700 Millionen Dollar aufzustocken – vor allem für Abfindungen und Vertragsauflösungen. Co-CEO Mike Sicilia betonte den Fokus auf Kundennutzen, während die Investitionsausgaben im ersten Quartal auf 28,5 Milliarden Dollar sprangen, verglichen mit 8,5 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal.
Diese Kontraste – schrumpfende Belegschaft bei gleichzeitig explodierenden Investitionen ins KI-Geschäft – prägen das Bild, das Anleger derzeit von Oracle zeichnen. Das Unternehmen erhöht seinen Auftragsbestand massiv, allein neue KI-Cloud-Verträge sollen sich zuletzt auf über 30 Milliarden Dollar belaufen haben, während die Auftragsreserve (RPO) auf 664 Milliarden Dollar gestiegen ist.
Kursreaktion bleibt verhalten trotz Nachrichtenflut
Damit liegt das Papier rund 6,9 Prozent über seinem 50-Tage-Durchschnitt von 122,42 Euro – ein Signal, dass sich die kurzfristige Erholung nach den schwachen Vormonaten fortsetzt.
Auf Sicht von zwölf Monaten bleibt der Kurs jedoch tief im Minus, was zeigt, wie sehr die Bewertung unter dem Zusammenspiel aus hohen Investitionskosten, negativem Free Cashflow und nun auch politischem Gegenwind gelitten hat.
Die Vorladung vor den Kongress dürfte diese Gemengelage kurzfristig nicht entschärfen. Für Anleger bedeutet sie zusätzliche Unsicherheit über die Vertragsbeziehung mit dem Veteranenministerium – einem Geschäft, dessen Ausweitung nun öffentlich unter Eid erklärt werden muss.
Ob die Anhörungen im November und Dezember Konsequenzen für laufende oder künftige Behördenverträge haben, bleibt bis dahin offen. Fest steht: Oracle navigiert derzeit gleichzeitig durch einen aggressiven Stellenabbau, eine beispiellose Investitionsoffensive ins KI-Geschäft und nun auch durch politische Kontrolle in Washington.
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