Oracle-Aktien fielen am Freitag um 4,08 Prozent auf 101,20 Euro. Damit liegt der Kurs nur noch 0,14 Prozent über dem 52-Wochen-Tief. Der RSI von 27,6 signalisiert einen deutlich überverkauften Markt — technisch also reif für eine Gegenbewegung. Ob die kommt, hängt allerdings nicht von Chartsignalen ab, sondern von einer einzigen Frage: Kann OpenAI seine Rechnungen bezahlen?

Schuldenfinanzierter Ausbau trifft auf Rating-Herabstufung

Der Auslöser der jüngsten Talfahrt liegt im Zusammenspiel zweier Entwicklungen. Oracles Investitionen ins KI-Geschäft explodieren, während die Kreditwürdigkeit des Konzerns bröckelt.

Im Geschäftsjahr 2026 stiegen die Investitionsausgaben auf 55,7 Milliarden Dollar. Das riss ein Loch von 23,7 Milliarden Dollar in den freien Cashflow. Die Ratingagentur S&P reagierte und senkte Oracles Bonität auf BBB- — nur eine Stufe über Ramschniveau.

Das Management plant, im Geschäftsjahr 2027 rund 40 Milliarden Dollar an zusätzlichem Kapital aufzunehmen, über Schulden und neue Aktien. Der Ausbau der KI-Infrastruktur soll damit weitergehen. Bislang ist das aber nur eine Absicht, keine vollzogene Maßnahme. Der Markt honoriert wachsende Auftragsbücher offenbar nicht mehr bedingungslos — er will Beweise sehen, dass daraus auch Bargeld wird.

Die entscheidende Frage: Zahlen die Großkunden?

Nicht Umsatzwachstum oder Cloud-Dynamik bestimmen derzeit die Bewertung von Oracle. Es ist das Gegenparteirisiko im Auftragsbestand.

Oracle meldete zuletzt einen Rekordwert von 638 Milliarden Dollar an noch abzuarbeitenden Verpflichtungen (RPO) — 363 Prozent mehr als vor einem Jahr. Mehr als die Hälfte davon soll von OpenAI stammen, das einen Vertrag über mehr als 300 Milliarden Dollar über fünf Jahre ab 2027 unterschrieben hat.

Ob dieser Berg an Zusagen zu verlässlichem Cashflow wird oder sich als Papierversprechen entpuppt, das bei der ersten Krise neu verhandelt wird — das entscheidet, ob die aktuelle Kursschwäche eine Kaufgelegenheit ist oder eine frühe Warnung.

Bullen-Szenario: Auftragsbestand und Cloud-Wachstum liefern

Für eine Erholung sprechen handfeste Zahlen aus dem vierten Quartal, das am 31. Mai 2026 endete. Der Umsatz stieg dort um 21 Prozent auf 19,2 Milliarden Dollar. Oracle Cloud Infrastructure legte sogar um 93 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar zu — eine Beschleunigung eines ohnehin schon rasanten Wachstums.

Nur ein Bruchteil des Auftragsbestands muss sich tatsächlich in Umsatz verwandeln, um die aktuellen Ausgaben zu rechtfertigen. Analysten erwarten, dass im kommenden Jahr nur etwa 12 Prozent des RPO in Umsatz umschlagen. Das verschafft Oracle einen langen Zeithorizont, solange die Kunden solvent bleiben. Bemerkenswert: Der RPO-Wert übersteigt inzwischen den Auftragsbestand des deutlich größeren Konzerns Microsoft.

Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 219,14 Euro — ein Aufwärtspotenzial von 116,5 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Das würde bedeuten: Der Markt sieht den Auftragsbestand weiterhin als werthaltig, nicht als Luftbuchung. Allerdings datiert dieses Kursziel vor der jüngsten Verkaufswelle. Es muss sich erst gegen mögliche weitere Herabstufungen bewähren.

Bären-Szenario: Klumpenrisiko und Cash-Verbrennung

Die Gegenposition: Oracle hat seine Bilanz auf eine Handvoll KI-Kunden verwettet, deren eigene finanzielle Stabilität ungeprüft ist. S&P hat OpenAIs Kreditrisiko inzwischen explizit in Oracles öffentliche Bonitätsakte aufgenommen.

Der RPO-Wert bleibt ein Buchhaltungskonstrukt — eine Verpflichtung für die Zukunft, oft an Bedingungen geknüpft und grundsätzlich verhandelbar. Mehrjährige Software-Verträge lassen sich bei Vertragsverlängerung kürzen oder ganz kündigen. Lässt die Nachfrage nach, könnte jede technologische Verschiebung oder wirtschaftliche Störung Oracles Fähigkeit treffen, den Auftragsbestand in echten Umsatz zu verwandeln.

Ein weiteres Warnsignal: Oracle ging kürzlich bei einem Rechenzentrums-Deal mit Microsoft leer aus. Das zeigt, dass die Konkurrenz unter den großen Cloud-Anbietern nicht dauerhaft zu Oracles Gunsten ausfallen muss. Bei bereits hoher Nettoverschuldung und tief negativem freien Cashflow birgt jede zusätzliche Kapitalaufnahme für 2027 ein doppeltes Risiko: Verwässerung der Aktionäre oder noch höhere Zinskosten, sollte der Anleihemarkt mehr Sicherheit verlangen.

Ausblick: Der nächste Test kommt im September

Die überverkaufte technische Lage könnte kurzfristig für eine Stabilisierung sorgen. Eine nachhaltige Erholung hängt aber von etwas anderem ab: davon, ob Oracle zeigen kann, dass seine Großkunden — allen voran OpenAI — ihre mehrjährigen Zahlungsverpflichtungen ohne Neuverhandlung stemmen können.

Hält der Auftragsbestand und wächst das Cloud-Geschäft im aktuellen Tempo weiter, bleibt der Weg zurück Richtung Analystenkonsens realistisch. Verschärft sich hingegen der Druck auf das Kreditrating oder zeigt ein Großkunde Zahlungsschwierigkeiten, dürfte die Schuldenlast die Aktie weiter belasten — unabhängig vom Umsatzwachstum in den Schlagzeilen.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der Bericht zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027, den Oracle für September 2026 angekündigt hat. Erst dann zeigt sich, ob die geplante Kapitalaufnahme und die Umwandlung des Auftragsbestands tatsächlich so verlaufen, wie das Management es in Aussicht gestellt hat.