Oracle erlebt einen historischen Absturz. Die Aktie verlor vergangene Woche fast ein Fünftel an Wert. Das ist die schlechteste Woche seit dem Platzen der Dotcom-Blase. Dabei lieferte der Softwarekonzern eigentlich Rekordzahlen.

Der Umsatz stieg im vierten Quartal deutlich auf über 19 Milliarden Dollar. Allerdings überschattet die Angst vor einer massiven Finanzierungslücke alles. Oracle plant eine milliardenschwere Kapitalbeschaffung für das kommende Geschäftsjahr.

Davon soll ein großer Teil über neue Aktien fließen. Anleger reagieren panisch auf die drohende Verwässerung. Der Kurs stürzte am Freitag auf 130,50 Euro ab. Damit notiert das Papier mehr als die Hälfte unter seinem 52-Wochen-Hoch.

Die entscheidende Frage: Zeitlauf gegen die Schuldenlast

Der Konzern saß Ende Mai auf rund 130 Milliarden Dollar Schulden. Parallel dazu explodieren die Investitionen. Im Geschäftsjahr 2026 stiegen die Kapitalausgaben massiv auf fast 56 Milliarden Dollar.

Nun steht Oracle an einem Scheideweg. Kann das Unternehmen seinen gigantischen Auftragsbestand schnell genug in Umsatz verwandeln? Oder fressen neue Schulden und die Verwässerung der Aktien den Wert auf? Analysten von Evercore sehen genau hier den zentralen Konflikt für die kommenden Monate. Die operativen Daten und die Bilanz erzählen derzeit zwei völlig unterschiedliche Geschichten.

Bullen-Szenario: Ein Auftragsbestand als harte Währung

Die fundamentale Nachfrage nach Oracles Cloud-Technologie ist enorm. Der Auftragsbestand (RPO) erreichte im vierten Quartal 638 Milliarden Dollar. Das ist ein Plus von über 300 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieser Berg an Aufträgen ist keine Spekulation.

Kunden haben für große KI-Verträge bereits Hardware im Wert von 75 Milliarden Dollar vorausbezahlt oder selbst geliefert. Das senkt Oracles eigenen Kapitalbedarf erheblich. Die operative Umsetzung beschleunigt sich messbar. Allein in einem Quartal unterzeichnete Oracle riesige KI-Infrastrukturverträge.

Die Cloud-Umsätze kletterten um 47 Prozent auf 9,9 Milliarden Dollar. Für das nächste Geschäftsjahr bestätigt das Management sein hohes Umsatzziel. Kein Wunder, dass Analysten optimistisch bleiben. Laut FactSet rät eine deutliche Mehrheit der Experten zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 221,74 Euro.

Bären-Szenario: Sinkende Margen und strukturelle Nachteile

Die Risiken sind jedoch bereits in der Bilanz sichtbar. Oracle erwirtschaftete zwar einen operativen Rekord-Cashflow von 32 Milliarden Dollar. Der freie Cashflow fiel jedoch auf minus 23,7 Milliarden Dollar. Die massiven Investitionen in Cloud-Infrastruktur fordern ihren Tribut.

Finanzchefin Hilary Maxson kündigte bereits an, dass die Bruttomargen im kommenden Jahr sinken werden. Hinzu kommt ein struktureller Nachteil. Oracle konkurriert beim Bau von KI-Rechenzentren mit Amazon, Microsoft und Google. Im Gegensatz zu diesen Rivalen kann Oracle keinen vollständigen Technologie-Stack anbieten. Das drückt die Margen bei diesem teuren Wettlauf.

Die Verwässerung der Aktien ist derweil sehr real. Die geplante Ausgabe neuer Papiere im Wert von 20 Milliarden Dollar belastet den Kurs schwer. Auch intern baut der Konzern massiv um. Die Belegschaft schrumpfte innerhalb eines Jahres um fast 13 Prozent. Die Folge: Die Umstrukturierungskosten sprangen auf 1,8 Milliarden Dollar. Obendrein könnte ein verzögerter Börsengang von OpenAI die zukünftige Umsatzrealisierung von Oracle bremsen.

Ausblick: Zwei entscheidende Faktoren für den Herbst

Im Kalenderjahr 2026 plant Oracle keine weitere Schuldenaufnahme. Der nächste Quartalsbericht im September wird zum ultimativen Härtetest. Dann muss das Management beweisen, dass die versprochene Kapazität von fast einem Gigawatt tatsächlich geliefert wird. Bestätigt sich das prognostizierte Umsatzwachstum, könnte sich die Aktie stabilisieren. Der extrem niedrige RSI-Wert signalisiert, dass der Verkaufsdruck bald nachlassen könnte.

Die Gefahr bleibt jedoch hoch. Wenn das Aktienprogramm die Anteile spürbar verwässert, ohne dass der freie Cashflow steigt, droht ein weiterer Absturz. Dann könnte die Aktie ihr 52-Wochen-Tief bei 113,86 Euro testen. Aktuell trennen den Kurs nur knapp 15 Prozent von dieser Marke. Für eine echte Trendwende müsste Oracle zunächst die 50-Tage-Linie bei 163,14 Euro zurückerobern. Bis zum Herbst dürfte die Finanzierungsdebatte den Kurs dominieren.