Liebe Leserinnen und Leser,
553 Milliarden US-Dollar. So hoch liegt der Auftragsbestand von Oracle — ein Plus von 325 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Morgen Abend liefert das Unternehmen Quartalszahlen, und die Frage ist nicht, ob die Nachfrage nach KI-Infrastruktur real ist. Das ist sie. Die Frage ist, ob Oracle diese Aufträge auch profitabel abarbeiten kann, ohne die Bilanz zu überlasten. Parallel dazu zeigt der Kryptomarkt, wie schnell aus aggressivem Wachstum ein Verwässerungsproblem wird: Strategy kauft weiter Bitcoin — finanziert über frische Aktien. Beide Fälle verbindet ein Thema, das in dieser Woche wichtiger wird als jede Schlagzeile: die Qualität der Finanzierung hinter dem Wachstum.
Oracle: Der KI-Boom wandert von den Chips in die Cloud
Oracle meldet am 10. Juni Zahlen für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2026. Analysten erwarten ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von rund 1,96 US-Dollar bei etwa 19,1 Milliarden US-Dollar Umsatz. Das Management selbst hatte 19 bis 21 Prozent Umsatzwachstum in Aussicht gestellt.
Doch die eigentlich interessante Zahl steht nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung. Die Remaining Performance Obligations — also vertraglich gebundene, aber noch nicht realisierte Umsätze — lagen zuletzt bei besagten 553 Milliarden US-Dollar. Dahinter stehen Großverträge mit Kunden wie OpenAI, Meta und xAI. Im Vorquartal wuchs der Umsatz der Oracle Cloud Infrastructure um 84 Prozent auf 4,9 Milliarden US-Dollar. Oracle ist damit kein klassischer Softwarewert mehr, sondern zunehmend ein Infrastrukturanbieter für KI-Rechenleistung.
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Für Anleger, die am Montag den Chip-Rebound mitgenommen haben, verschiebt sich damit der Blick: Die KI-Investmentstory läuft nicht mehr nur über Nvidia, Micron oder AMD. Sie läuft über die gesamte Bereitstellungskette — und Oracle positioniert sich genau dort.
Die entscheidende Frage: Wird aus Auftragsbestand auch Cashflow?
So beeindruckend 553 Milliarden US-Dollar RPO klingen — sie sind kein Free Cashflow. Und genau hier wird es für Anleger relevant. Oracle plant für 2026 Kapazitätsausgaben von 45 bis 50 Milliarden US-Dollar allein für die Cloud-Infrastruktur. Citi und BNP Paribas heben deshalb die Capex- und Margenfragen hervor. Das Risiko ist klar: Wenn Oracle Kapazitäten schneller aufbauen muss, als Cashflows zufließen, steigt der Finanzierungsdruck.
Die Wall Street bleibt dennoch mehrheitlich optimistisch. Seeking Alpha hält vor den Zahlen an „Buy“ fest und sieht ein Zwölf-Monats-Upside von 23 bis 24 Prozent. TipRanks nennt ein durchschnittliches Kursziel von 269,93 US-Dollar — rund 27 Prozent über dem aktuellen Niveau. Einzelne Stimmen sehen Oracle sogar auf dem Weg in den Billionen-Dollar-Club.
Für Trader ist das ein klassisches Event-Setup: hohe Erwartungen, hohe Schwankungsgefahr. Wer morgen Abend positioniert ist, sollte wissen, dass nicht der Umsatz allein zählt, sondern die Guidance zur Umsetzungsgeschwindigkeit der RPOs und die Margenentwicklung bei steigendem Capex.
Strategy kauft 1.550 Bitcoin — und verkauft dafür 1,4 Millionen Aktien
Vom KI-Infrastrukturboom zum Kryptomarkt, und dort zeigt sich das gleiche Grundproblem in anderer Form. Strategy hat zwischen dem 1. und 7. Juni weitere 1.550 Bitcoin für 101,3 Millionen US-Dollar gekauft, zu einem Durchschnittspreis von 65.332 US-Dollar je Coin. Der Gesamtbestand stieg auf 845.256 Bitcoin.
Die Finanzierung verdient dabei mehr Aufmerksamkeit als der Kauf selbst: Strategy verkaufte 1.409.600 Class-A-Aktien und erlöste netto 181 Millionen US-Dollar. Davon flossen 101 Millionen in Bitcoin, der Rest stärkte die Dollar-Reserve, die auf 1 Milliarde US-Dollar aufgestockt wurde. CEO Phong Le bestätigte zudem, dass Ende Mai 32 Bitcoin verkauft wurden — ausschließlich zur Deckung von STRC-Dividenden.
Für Aktionäre heißt das: Strategy fährt weiterhin eine Bitcoin-First-Strategie, steuert aber inzwischen sichtbar auch Liquidität und Dividendenfähigkeit. Die zentrale Kennzahl bleibt „Bitcoin per Share“ — und genau hier liegt der Zielkonflikt. Mehr Bitcoin auf Unternehmensebene bedeutet nicht automatisch mehr Wert je Aktie, wenn die Finanzierung über Aktienverwässerung läuft.
Bitcoin bei 62.000 Dollar: ETF-Abflüsse drücken, der Markt wartet
Der Kauf von Strategy konnte den Bitcoin-Preis nicht stützen. Zuletzt notierte Bitcoin bei rund 62.300 US-Dollar. Die Stimmung bleibt risikoscheu — Anleger warten auf die US-Inflationsdaten am Mittwoch und die Fed-Sitzung.
Belastend wirken vor allem die anhaltenden Abflüsse aus Spot-Bitcoin-ETFs: Am Montag lagen sie bei 91,4 Millionen US-Dollar, nach 1,7 Milliarden US-Dollar in der Vorwoche. Über die vergangenen 13 Handelstage summieren sich die Abflüsse laut Business Times auf 5,5 Milliarden US-Dollar. Das ist ein klares Signal: Institutionelle Investoren reduzieren ihre Bitcoin-Exposure, und Einzelkäufe von Strategy reichen nicht aus, um diesen Trend zu brechen.
Dazu kommen Sicherheitsvorfälle, die das Vertrauen in kleinere Krypto-Projekte weiter belasten. Der H-Token von Humanity Protocol brach nach einem Private-Key-Hack um 90 Prozent ein — 32 Millionen US-Dollar gestohlen. Sahara AIs SAHARA-Token fiel um 60 Prozent. Wer in Token jenseits der etablierten Großwerte investiert, muss Positionsgrößen entsprechend klein halten. Verwahrungs- und Protokollrisiken können Positionen binnen Stunden auf null drücken.
Was diese Woche zählt: CPI, EZB, SpaceX
Drei Termine geben der Woche ihre Richtung. Am Mittwoch kommen die US-Inflationsdaten für Mai — der Konsens liegt bei 4,2 Prozent. Fällt die Zahl höher aus, dürfte der Druck auf Tech- und Kryptowerte zunehmen. Am Donnerstag entscheidet die EZB über die Zinsen. Am Freitag steht das SpaceX-IPO an, bewertet mit bis zu 1,8 Billionen US-Dollar — ein Liquiditätsereignis, das Kapital aus anderen Wachstumstiteln abziehen könnte.
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Für Oracle-Anleger kommt der erste Test bereits morgen Abend. Für Bitcoin-Halter wird die CPI-Zahl am Mittwoch zum entscheidenden Datenpunkt: Liegt die Inflation über dem Konsens, rücken weitere Zinserhöhungen in den Vordergrund — und der Druck auf risikoreichere Assets steigt weiter.
Fazit: Die Story reicht nicht mehr — der Markt will Beweise
Oracle und Strategy stehen für zwei der stärksten Wachstumserzählungen am Markt: KI-Infrastruktur und Bitcoin-Akkumulation. Beide liefern beeindruckende Zahlen — 553 Milliarden Dollar Auftragsbestand hier, 845.000 Bitcoin dort. Doch in beiden Fällen entscheidet nicht die Wachstumszahl über den Anlageerfolg, sondern die Frage, ob die Finanzierung dahinter tragfähig ist. Bei Oracle geht es um Capex-Disziplin bei explodierender Nachfrage. Bei Strategy um den Zielkonflikt zwischen Bitcoin-Bestand und Aktienverwässerung. Positionsgrößen kontrollieren, Stopps definieren — und die Wochentermine als harte Prüfpunkte im Kalender markieren.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer
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