Ausgangslage: Zwischen Rekordbacklog und Vertrauenskrise
Oracle steckt in einem Balanceakt. Der Konzern bestätigte seine Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2027 von 90 Milliarden Dollar und hob die Gewinnprognose auf 8,05 Dollar je Aktie an.
Gleichzeitig kündigte das Unternehmen an, rund 40 Milliarden Dollar über eine Kombination aus Fremd- und Eigenkapital aufzunehmen, darunter eine Aktienplatzierung über 20 Milliarden Dollar am Markt, um den Ausbau der KI-Infrastruktur zu finanzieren.
Der Auftragsbestand (Remaining Performance Obligations) erreichte zum Ende des Geschäftsjahres 2026 mit 638 Milliarden Dollar einen Rekordwert, ein Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Trotzdem büßte die Aktie zwischen dem 12. und 17. August in nachbörslichem Handel rund 7 Prozent ein, nachdem die Umsatzprognose für das erste Quartal mit einem Wachstum von 27 bis 29 Prozent hinter den überhöhten Erwartungen der Investoren zurückblieb.
Der aktuelle Kurs von 121,88 Euro liegt 59 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 294,85 Euro vom 10. September. Genau jetzt zählt diese Diskrepanz zwischen operativer Substanz und Marktreaktion, weil Oracle in wenigen Wochen mit dem Beginn des zweiten Geschäftsquartals am 1. September eine neue Phase seiner Finanzierungsstrategie einleiten muss.
Die entscheidende Frage: Trägt der Cashflow die Schuldenlast?
Der eine Faktor, der über die weitere Kursentwicklung entscheidet, ist simpel: Kann Oracle die massive Fremdkapitalaufnahme mit realem, nachhaltigem Cashflow aus dem KI-Geschäft unterlegen, oder wächst die Bilanz schneller als die tatsächliche Ertragskraft?
Der Investor Michael Burry hat genau hier den Hebel angesetzt. Er legte laut eigenen Angaben eine Short-Position gegen Oracle offen, eröffnet bei 144,63 Dollar und aufgestockt bei 152,00 Dollar. Sein Vorwurf: Oracle überzeichne seine Gewinne um 26 bis 27 Prozent, weil die Abschreibung von KI-Grafikprozessoren zu langsam erfolge.
Trifft diese These zu, wäre der ausgewiesene Gewinn pro Aktie von 8,05 Dollar deutlich weicher als er wirkt – und die geplante Kapitalaufnahme von 40 Milliarden Dollar würde die Verschuldung auf eine fragilere Ertragsbasis stapeln.
Bullisches Szenario: Der Auftragsberg materialisiert sich
Für Optimisten spricht die schiere Dimension des Auftragsbestands. Analysten von UBS bemängelten zwar am 6. August die Kapitalintensität des Infrastrukturausbaus und senkten ihr Kursziel von 285 auf 245 Dollar, bestätigten aber ihre Kaufempfehlung. Guggenheim ging zum selben Datum deutlich weiter und bekräftigte nach Gesprächen mit dem Management ein Kursziel von 400 Dollar.
Operativ untermauert Oracle die Wachstumsstory mit konkreten Partnerschaften: die Erweiterung der Zusammenarbeit mit Amazon Web Services, die Oracle AI Database@AWS nun in 22 Regionen verfügbar macht, eine geplante Integration des Quantencomputers „Helios“ von Quantinuum in ein US-Rechenzentrum sowie neue Funktionen für den Clinical AI Agent von Oracle Health.
Sollte sich der RPO-Berg in den kommenden Quartalen in tatsächlich abgerechneten Umsätzen niederschlagen, wäre die aktuelle Kursschwäche eine Überreaktion auf eine kurzfristig enttäuschende Wachstumsrate.
Bärisches Szenario: Konzentrationsrisiko und Kostendruck
Das Risiko liegt jedoch nicht nur in der Abschreibungsfrage. Analysten wiesen darauf hin, dass ein erheblicher Teil des 638-Milliarden-Dollar-Backlogs auf einen einzigen Kunden entfällt: OpenAI. Diese Konzentration macht Oracle anfällig, sollte sich die Zahlungsfähigkeit oder Nachfrage dieses einen Partners ändern.
Parallel berichten interne Dokumente laut Medienberichten von einer geplanten neuen Entlassungsrunde, die in einzelnen Teams zweistellige Prozentsätze erreichen könnte, um die Personalkosten vor Beginn des zweiten Geschäftsquartals zu senken.
Ein Konzern, der gleichzeitig 40 Milliarden Dollar frisches Kapital aufnimmt und Stellen abbaut, signalisiert intern einen erheblichen Kostendruck – ein Bild, das nicht zur öffentlich gefeierten Wachstumsstory passt.
Ausblick: Der 1. September als erste Bewährungsprobe
Solange der Auftragsbestand tatsächlich in Umsatz umgewandelt wird und die Abschreibungspraxis bei der nächsten Berichtsperiode nicht offiziell beanstandet wird, bleibt das bullische Szenario intakt, gestützt durch Guggenheims optimistisches Kursziel.
Kippt hingegen die Wahrnehmung der Bilanzqualität – etwa durch eine Bestätigung der Burry-Thesen oder durch Signale einer Schwäche bei OpenAI als Großkunde –, dürfte der Markt die Verschuldung von rund 40 Milliarden Dollar deutlich kritischer bewerten.
Der 1. September markiert einen doppelten Wendepunkt: Er startet das zweite Geschäftsquartal und ist zugleich die berichtete interne Frist für den geplanten Stellenabbau. Wie Oracle diese beiden Ereignisse kommuniziert, dürfte zeigen, ob der Konzern seine Wachstumsstory oder seine Kostenprobleme in den Vordergrund rückt.
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