Manche Quartalszahlen liest man, andere hört man förmlich. „Otherworldly“ nannte Palantir-Chef Alex Karp das zweite Quartal 2026 – außerirdisch. Wenn ein CEO solche Worte wählt, lohnt sich ein zweiter Blick, auch wenn die Aktie längst nicht mehr am Allzeithoch notiert.
Am 3. August legte Palantir Zahlen vor, die selbst hartgesottene Wall-Street-Beobachter überraschten: Der Umsatz kletterte um 93 Prozent gegenüber dem Vorjahr, das US-Geschäft mit gewerblichen Kunden wuchs sogar um 149 Prozent. Die Papiere reagierten mit einem Kurssprung von 12 Prozent.
Karp legte im Gespräch mit CNBC noch nach und erklärte, das Momentum werde „mindestens weitere 18 Monate“ anhalten. Es ist die Art von Aussage, die man sich als Anleger notiert – und im Hinterkopf behält, wenn die nächsten Quartale kommen.
Der große Trend hinter der Zahl
Was bei Palantir passiert, ist mehr als ein einzelnes gutes Quartal. Es ist ein Symptom für etwas Größeres: den Umbau staatlicher und militärischer Infrastruktur rund um künstliche Intelligenz. Karp sprach von entfesselter „AI-Souveränität“ – Staaten, die eigene, kontrollierbare KI-Systeme wollen, statt sich auf fremde Cloud-Anbieter zu verlassen.
Truist Securities griff genau diesen Punkt auf, als das Analystenhaus am 5. August sein Kursziel auf 223 US-Dollar anhob und die Nachfrage nach souveräner KI als zentralen Wachstumstreiber benannte.
Palantir hat sich über Jahre als Datenanalyse-Partner von Behörden und Militär positioniert – jetzt trifft dieses Geschäftsmodell auf einen geopolitischen Rückenwind, den sich das Unternehmen nicht hätte besser ausdenken können.
Die Zahlen selbst untermauern das: Der verbleibende Auftragswert im US-Kommerzgeschäft hat sich auf 6,24 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Palantir hob die Jahresprognose für 2026 kräftig an, auf einen Umsatz zwischen 8,15 und 8,16 Milliarden Dollar.
Die operative Marge auf bereinigter Basis liegt bei 62 Prozent – Werte, die man sonst eher von etablierten Softwarekonzernen kennt als von einem Unternehmen, das noch vor wenigen Jahren als Verlustbringer galt.
Analysten überbieten sich, ein Bär bleibt hart
Die Reaktion der Wall Street fiel entsprechend überschwänglich aus. Bank of America Securities initiierte am 5. August eine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 255 Dollar, Citi-Analyst Tyler Radke hob sein Ziel am selben Tag auf 245 Dollar an.
Die Deutsche Bank vollzog am 4. August einen Strategiewechsel und stufte die Aktie von Hold auf Buy hoch, mit der Begründung, der Quartalsbericht sei „außergewöhnlich“ gewesen.
Nicht jeder zog voll mit: Wolfe Research hob die Einstufung zwar von Underperform auf Peer Perform, verzichtete aber bewusst auf ein Kursziel und verwies darauf, dass die Bewertung bereits viel vom verbesserten Wachstumsausblick einpreise.
Und dann ist da noch Michael Burry. Der Investor, bekannt für seine Wetten gegen überhitzte Märkte, bleibt bei seiner Position: Er hat Put-Optionen mit Laufzeit März 2027 gekauft und hält Palantir langfristig für „unter einem Dollar“ wert. Eine Einschätzung, die im krassen Gegensatz zu den Kurszielen jenseits der 200-Dollar-Marke steht – und die zeigt, wie gespalten die Meinungen über die Bewertung dieses Unternehmens sind.
Was der Kurs gerade erzählt
Wer auf den Chart schaut, sieht Ambivalenz. Der Titel hat in den vergangenen 30 Tagen um 27 Prozent zugelegt und schloss am Mittwoch bei 148,42 Euro. Zum 50-Tage-Durchschnitt beträgt der Abstand 28 Prozent nach oben, ein Zeichen für die Wucht der jüngsten Rally.
Zugleich liegt der Kurs noch 18 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch, das am 3. November 2025 markiert wurde. Seit Jahresbeginn steht sogar ein Minus von 5,5 Prozent zu Buche – die Aktie hat also einen tiefen Fall aufgeholt, ohne ihn vollständig wettzumachen.
Auffällig ist die Aktivität von Insidern und prominenten Investoren rund um die Rally. Konzern-CTO Shyam Sankar verkaufte am 6. August im Rahmen eines vorab festgelegten Handelsplans Aktien für gut 5,4 Millionen Dollar.
Am selben Tag trennte sich Cathie Woods ARK Invest Berichten zufolge von Palantir-Anteilen und steckte Kapital stattdessen in Block. Solche Bewegungen sind kein Urteil über die Zukunft des Unternehmens, aber sie erinnern daran, dass nach einer Rally dieser Größenordnung auch erfahrene Marktteilnehmer Gewinne mitnehmen.
Die eigentliche Frage, die sich aus all dem ergibt, lautet nicht, ob Palantir wächst – das belegen die Zahlen eindeutig. Sie lautet, ob dieses Wachstum die Bewertung auf Dauer trägt, oder ob die Skepsis eines Michael Burry am Ende doch mehr ist als eine einsame Außenseiterposition.
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