Ausgangslage

Palantir Technologies hat mit den Zahlen zum zweiten Quartal 2026 eine der stärksten Kursreaktionen seiner Börsengeschichte ausgelöst. Der Softwarekonzern meldete am Montag einen Umsatz von 1,94 Milliarden Dollar, ein Plus von 93 Prozent gegenüber dem Vorjahr und deutlich über der Konsensschätzung von 1,80 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hob das Unternehmen die Umsatzprognose für das Gesamtjahr 2026 kräftig an, von zuvor 7,65 bis 7,662 Milliarden Dollar auf nun 8,15 bis 8,158 Milliarden Dollar. Die Aktie reagierte mit einem der besten Handelstage ihrer Geschichte und legte am Freitag im deutschen Handel um 9,88 Prozent auf 148,84 Euro zu – nach einem Kurssprung von rund 39 Prozent innerhalb der vergangenen sieben Tage.

Getrieben wurde das Wachstum vor allem vom US-Geschäft: Der Umsatz mit amerikanischen Firmenkunden kletterte um 149 Prozent auf 764 Millionen Dollar, das Geschäft mit der US-Regierung wuchs um 90 Prozent auf 809 Millionen Dollar. Der Wert offener Vertragsverhandlungen im US-Firmenkundengeschäft hat sich auf 6,24 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Das Nettoergebnis stieg von 326,7 Millionen auf 1,06 Milliarden Dollar. Vorstandschef Alex Karp sprach von einer „Rebellion für Unabhängigkeit und KI-Souveränität“ und erklärte, die Wachstumsdynamik dürfte „noch mindestens 18 Monate“ anhalten – eine Einschätzung, die als unternehmensseitige Erwartung zu lesen ist, nicht als Garantie.

Die entscheidende Frage

Für Anleger reduziert sich die Debatte derzeit auf einen einzigen Punkt: Rechtfertigt das Tempo der operativen Verbesserung die Bewertung, die der Markt der Aktie zuspricht? Citi-Analyst Tyler Radke hob sein Kursziel zwar von 200 auf 245 Dollar an, wies aber zugleich darauf hin, dass Palantir mit rund dem 70-Fachen des erwarteten Umsatzes bewertet ist – aus seiner Sicht ein gestrecktes Niveau. Mit einem RSI von 72,2 gilt die Aktie technisch als überkauft, während sie mit 148,84 Euro noch 17,30 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 179,98 Euro notiert. Ob operative Kennzahlen wie der Rekord-Rule-of-40-Score von 155 Prozent und ein bereinigter Free Cashflow von 1,22 Milliarden Dollar im zweiten Quartal diese Prämie tragen, ist die zentrale Frage der kommenden Monate.

Bullisches Szenario

Für die Bullen spricht die Breite des Wachstums. Palantir schloss im zweiten Quartal 220 Großverträge über eine Million Dollar ab, darunter 98 über fünf Millionen und 70 über zehn Millionen Dollar. Die Prognose für das dritte Quartal liegt bei 2,16 bis 2,164 Milliarden Dollar Umsatz, das bereinigte operative Ergebnis soll zwischen 1,292 und 1,296 Milliarden Dollar liegen. Für das Gesamtjahr rechnet das Unternehmen mit einem bereinigten Free Cashflow von 4,5 bis 4,7 Milliarden Dollar. Untermauert wird die Wachstumsstory durch neue Verteidigungspartnerschaften: Gemeinsam mit Mercury Systems will Palantir im Rahmen einer vom US-Militär finanzierten Tradewind-Prototype-Vereinbarung Fabrikabläufe automatisieren, gestützt auf die Foundry-Plattform. Parallel formieren sich Palantir und Anduril laut Reuters mit SpaceX, OpenAI und weiteren Technologiefirmen zu einem Konsortium, das etablierte Pentagon-Zulieferer herausfordern soll. UBS begründet ihr angehobenes Kursziel von 220 Dollar mit dem rund 44-Fachen des revidierten freien Cashflows für 2027 – ein Hinweis darauf, dass Analysten die Bewertung zunehmend über künftige Cashflows statt reine Umsatzmultiplikatoren rechtfertigen.

Bärisches Szenario

Die Risiken sind nicht nur bewertungstechnischer Natur. In Großbritannien bereitet der staatliche Gesundheitsdienst NHS laut einer Financial-Times-Recherche eine Überarbeitung seiner Erfolgsmessung für die Palantir-Datenplattform vor, nachdem Mitarbeiter Fehler in den zugrunde liegenden Statistiken aufgedeckt hatten. Mehrere Klinikverbünde räumten bereits Datenfehler ein. Der 444-Millionen-Dollar-Vertrag könnte bei einer Ausstiegsklausel Anfang 2027 unter politischen Druck geraten – eine Entscheidung, die noch nicht gefallen ist. Zusätzlich haben mehrere öffentliche Auftraggeber, darunter das New Yorker Krankenhaussystem, das niederländische Verteidigungsministerium sowie Behörden in Frankreich und Dänemark, Verträge nicht verlängert oder suchen aktiv nach Alternativen. Auch juristisch musste Palantir zuletzt einen Rückschlag hinnehmen: In einem Rechtsstreit mit der Investigativplattform Republik verlor das Unternehmen 22 von 23 Streitpunkten. Kurzfristig sorgte zudem ein kostenloses Open-Source-Analysetool namens „World Monitor“ für Verunsicherung, das Fragen zur Preissetzung im Behördengeschäft aufwarf und die Aktie zeitweise um rund 6 Prozent drückte. Hinzu kommt: Insider verkaufen laut Auswertungen regelmäßiger Meldungen tendenziell mehr Aktien, als sie erwerben.

Ausblick

Solange Palantir seine Wachstumsdynamik in Umsatz, Cashflow und Vertragsvolumen fortsetzt, dürfte die aktuelle Bewertungsprämie bei einem Teil der Analysten Rückhalt finden – die jüngsten Kurszielanhebungen von Bank of America bis Baird zeigen diese Grundhaltung. Kippt hingegen die politische Stimmung gegenüber dem Unternehmen, etwa durch eine förmliche Kündigung des NHS-Vertrags oder weitere verlorene Ausschreibungen in Europa, würde die Wachstumserzählung erste Risse bekommen. Der nächste konkrete Prüfstein ist die für das dritte Quartal in Aussicht gestellte Umsatzspanne von 2,16 bis 2,164 Milliarden Dollar – bleibt Palantir dort im Rahmen der eigenen Prognose, dürfte die Diskussion um die hohe Bewertung in den Hintergrund treten. Verfehlt das Unternehmen diese Marke, dürfte die Debatte um das 70-Fache des Umsatzes schnell wieder in den Vordergrund rücken.