Ausgangslage

Palantir hat seinen Anlegern binnen einer Woche eine der stärksten Kursbewegungen des Jahres beschert. Am Montag meldete das Unternehmen für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 1,94 Milliarden Dollar – ein Plus von 93 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und deutlich über der Konsensschätzung von 1,81 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hob Palantir die Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf eine Spanne von 8,150 bis 8,158 Milliarden Dollar an, zuvor hatte das Unternehmen 7,65 bis 7,66 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,41 Dollar und übertraf die erwarteten 0,35 Dollar, wobei 0,02 Dollar aus nicht realisierten Gewinnen der Beteiligung an SpaceX stammten. Besonders auffällig: Das US-Geschäft mit Firmenkunden wuchs um 149 Prozent auf 764 Millionen Dollar.

Der Markt reagierte prompt. Zwischen dem Schlusskurs vom Montag und dem des Dienstags legte die Aktie nach Berichten um rund 30 Prozent zu. Aktuell notiert das Papier bei 136,82 Euro, ein Plus von 1,00 Prozent im Tagesverlauf, nach einem gestrigen Schlusskurs von 135,46 Euro. Über die vergangenen sieben Handelstage summiert sich der Zuwachs auf 28,20 Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt inzwischen bei rund 338 Milliarden Euro. Damit steht die Frage im Raum, ob die Bewertung dem beschleunigten Wachstum noch angemessen ist – oder ob der Markt bereits zu viel Zukunft vorwegnimmt.

Die entscheidende Frage

Der zentrale Punkt für die kommenden Wochen ist, ob sich das explosive Wachstum im US-Kommerzgeschäft fortsetzt oder ob es sich um einen einmaligen Ausschlag handelt. Analyst Chris Versace von TheStreet Pro hob am Dienstag hervor, dass Palantir im zweiten Quartal ein rekordhohes Gesamtvertragsvolumen im US-Commercial-Segment von 2,132 Milliarden Dollar verbuchte und bekräftigte sein Kursziel von 220 Dollar. Ob dieses Tempo anhält, entscheidet, ob die angehobene Jahresprognose konservativ oder bereits ambitioniert ist. Neue Geschäftsbeziehungen wie die am Donnerstag verkündete Zusammenarbeit mit dem Medienkonzern USA Today, der Palantirs KI-gestützte Software zur Auswertung von Kundendaten und zur Erschließung neuer Monetarisierungswege nutzen will, liefern erste Hinweise darauf, dass die Plattform über den bisherigen Behörden- und Verteidigungsschwerpunkt hinaus an Boden gewinnt.

Bullisches Szenario

Die Reaktion der Analystenhäuser nach den Zahlen war überwiegend eindeutig. Deutsche Bank stufte die Aktie am Montag von Halten auf Kaufen hoch, während gleichzeitig mehrere andere Häuser ihre Kursziele deutlich anhoben, teils auf bis zu 230 Dollar. Auch am Donnerstag hielt die positive Dynamik an: Medienberichten zufolge wurde ein Kursziel von 196 Dollar genannt, begründet mit beschleunigtem Momentum der Analytics-Plattform AIP und bereinigten Free-Cash-Flow-Margen von mehr als 60 Prozent. Sollte Palantir die margenstarke Kommerzialisierung seiner KI-Plattform tatsächlich in der Breite fortsetzen, dürfte die Guidance-Anhebung erst der Anfang gewesen sein. Ein weiteres Signal für die Anziehungskraft des Unternehmens: Der bisherige Federal CIO und amtierende Direktor der Technology Transformation Services, Greg Barbaccia, wird die US-Regierung verlassen und im August zu Palantir wechseln – ein Zeichen für die wachsende Bindung zwischen dem Unternehmen und öffentlichen Auftraggebern.

Bärisches Szenario

Der Optimismus hat jedoch Risse. Ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht des Centre for International Corporate Tax Accountability and Research warf Palantir vor, weltweit lediglich eine effektive Steuerquote von 1,4 Prozent zu tragen und 2024 in Großbritannien nur 2 Millionen Pfund Körperschaftssteuer entrichtet zu haben – trotz öffentlicher Aufträge im Wert von mehreren Hundert Millionen Pfund. Solche Berichte könnten politischen Druck auf bestehende und künftige Behördenverträge erhöhen. Hinzu kommt: Konzern-Insider haben in den vergangenen zwölf Monaten wiederholt Aktien verkauft, ohne dass nennenswerte Käufe registriert wurden. Auch der von Cathie Wood verwaltete ARK-Fonds reduzierte am Dienstag seine Position um 39.233 Aktien im Wert von rund 4,93 Millionen Dollar. Solche Verkäufe sind für sich genommen kein Alarmsignal, nähren aber Zweifel, ob Insider das aktuelle Kursniveau als fair bewertet ansehen. Schon vor den Zahlen hatte Citigroup-Analyst Tyler Radke am 24. Juli sein Kursziel von 225 auf 200 Dollar gesenkt – eine Einschätzung, die durch das Rekordquartal inzwischen überholt sein dürfte, aber zeigt, dass die Bewertung bereits vor dem Kurssprung als ambitioniert galt.

Ausblick

Charttechnisch bleibt die Aktie trotz der jüngsten Rally 23,98 Prozent von ihrem 52-Wochen-Hoch von 179,98 Euro vom 3. November entfernt, was Anlegern zumindest theoretisch Spielraum nach oben lässt. Solange neue Kommerzkunden wie USA Today hinzukommen und das US-Geschäft sein Tempo hält, dürfte die Guidance-Anhebung als Basis für weitere Kurszielerhöhungen dienen. Kippt dagegen die Wachstumsdynamik im Commercial-Segment, oder verschärft sich der politische Gegenwind durch Steuerdebatten und die enge Verzahnung mit Behörden, dürfte die aktuelle Bewertung schnell wieder zur Belastung werden. Der nächste konkrete Prüfstein ist der weitere Verlauf des dritten Quartals 2026, dessen Zahlen zeigen müssen, ob sich das kommerzielle Momentum tatsächlich verstetigt.