Ausgangslage: Zahlen glänzen, Kritik wächst
Die Rekordzahlen vom vergangenen Samstag sind längst verarbeitet, der Kurs hat seither kaum noch reagiert – gestern schloss die Aktie bei 151,56 Euro, ein Minus von 0,14 Prozent. Doch während der Markt die Wachstumsstory abhakt, taucht ein zweites Thema auf, das Anleger nicht ignorieren sollten: Widerstand gegen Palantirs öffentliche Aufträge wächst auf mehreren Fronten gleichzeitig.
In London hat Bürgermeister Sadiq Khan einen Vertrag über 50 Millionen Pfund mit der Metropolitan Police wegen Verstößen gegen Vergaberegeln blockiert. Palantir ficht diese Entscheidung nach Medienberichten vor Gericht an – ein offener Streit, kein Etappensieg für eine Seite.
Parallel fordern europäische Gewerkschaften und Forscher eine Überprüfung bestehender Verträge und verweisen dabei auf aggressive Steuervermeidungsstrategien des Unternehmens sowie auf britische Regierungsaufträge von 670 Millionen Pfund.
In den USA verlangten am Montag 31 Gewerkschaften, die fast 800 Journalisten vertreten, die sofortige Beendigung einer neuen Partnerschaft zwischen USA Today und Palantir – aus Sorge um Datenverwertung und die Sicherheit von Lesern.
Diese Konflikte betreffen nicht die Kernzahlen, aber sie berühren das Geschäftsmodell im Kern: Palantirs Wachstum hängt maßgeblich an Regierungs- und Behördenverträgen. Genau deshalb zählt die Frage jetzt.
Die entscheidende Frage: Bremst politischer Gegenwind das Behördenwachstum?
Der US-Regierungsumsatz wuchs im zweiten Quartal um 90 Prozent auf 809 Millionen Dollar, das US-Kommerzgeschäft sogar um 149 Prozent auf 764 Millionen Dollar. Die Bewertung der Aktie – mit einem Kurs-Aufschlag von 31,23 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt und einem RSI von 73,2 klar im überkauften Bereich – setzt voraus, dass dieses Tempo anhält.
Die eine Kennzahl, die Anleger im Blick behalten sollten, ist deshalb nicht der nächste Umsatzbeitrag, sondern die Auftragsvergabe-Pipeline bei öffentlichen Institutionen in Europa und den USA. Kippt hier die politische Stimmung gegen Palantir, träfe das die margenstärksten und am schnellsten wachsenden Segmente direkt.
Bullisches Szenario
Bleibt die Wachstumsdynamik intakt, sprechen die Fundamentaldaten weiter für die Aktie. Das Management hat die Jahresprognose 2026 auf 8,150 bis 8,158 Milliarden Dollar angehoben, verbunden mit einer „Rule of 40“-Kennziffer von 155 Prozent – getragen von 93 Prozent Umsatzwachstum und 62 Prozent adjustierter operativer Marge.
Mehrere Analysehäuser reagierten Mitte August mit Anhebungen: Piper Sandler bestätigte am 11. August ein Kursziel von 230 Dollar, Truist Securities zog auf 223 Dollar nach, UBS auf 220 Dollar und Phillip Securities auf 215 Dollar – jeweils mit Verweis auf die Kommerz-Beschleunigung und die Nachfrage nach „souveräner KI“.
Die Partnerschaft mit Mercury Systems zur Automatisierung von Materialplanung für US-Militärprogramme sowie die Integration von Nvidias offenen Nemotron-Modellen für Behörden und kritische Infrastruktur untermauern, dass Palantir seine Position bei staatlichen Kunden trotz der Kontroversen weiter ausbaut.
Bärisches Szenario: Wenn Reputationsrisiken zu Auftragsrisiken werden
Das Risiko ist real: Blockierte Verträge, wie in London, könnten Präzedenzfall für andere Kommunen und Behörden werden. Die Kombination aus Vorwürfen zur Steuervermeidung und Datenverwertungskritik – jetzt auch aus dem Medienbereich in den USA – erhöht den politischen Druck genau in jenen Marktsegmenten, die zuletzt am stärksten wuchsen. Hinzu kommen interne Signale: CTO Shyam Sankar verkaufte am 6. August 35.000 Aktien für rund 5,45 Millionen Dollar, Direktorin Lauren Elaina Friedman Stat trennte sich Anfang August von 3.032 Aktien – beides im Rahmen automatisierter Handelspläne, aber in Kombination mit der ohnehin sehr hohen Bewertung ein Warnsignal für Vorsicht.
Cantor Fitzgerald bewertet die Aktie mit „Neutral“ und einem deutlich niedrigeren Kursziel von 156 Dollar, Benchmark bekräftigte trotz der starken Zahlen ein „Hold“ wegen der Bewertung. Bei einer annualisierten Volatilität von 97,85 Prozent könnten schon moderate Enttäuschungen zu heftigen Kursausschlägen führen.
Ausblick: Zwei Pfade, ein Katalysator
Solange die Behördenaufträge in den USA und Europa trotz der juristischen und öffentlichen Auseinandersetzungen weiter fließen, bleibt das bullische Szenario intakt – gestützt von einer Kommerzsparte, die sich als zweites Standbein etabliert.
Kippt jedoch die politische Stimmung, etwa durch einen ungünstigen Gerichtsentscheid in London oder eine Ausweitung der Gewerkschaftsproteste auf weitere Kunden, würde das ausgerechnet die Wachstumssegmente treffen, auf denen die aktuelle Bewertung ruht.
Der nächste konkrete Prüfstein folgt mit den Zahlen zum dritten Quartal, für das Palantir einen Umsatz zwischen 2,160 und 2,164 Milliarden Dollar sowie ein bereinigtes operatives Ergebnis zwischen 1,292 und 1,296 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt hat. Bis dahin dürfte der Ausgang des Londoner Rechtsstreits ein früherer Stimmungstest für die Anleger sein.
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