Ausgangslage

Palantir erlebt einen Tag der Gegensätze. Am heutigen Freitag treibt eine erweiterte Partnerschaft mit PwC die Aktie an, parallel sichert sich das Unternehmen zusammen mit Anduril einen Army-Auftrag über 192 Millionen Dollar für die Produktion von acht TITAN-Systemen, wovon 127 Millionen Dollar auf Palantir entfallen.

Zugleich meldet der dänische Sender Börsen, dass Palantir seine Jahresumsatzprognose im Zuge der jüngsten Quartalszahlen angehoben hat, von zuvor 7,65 bis 7,66 Milliarden Dollar auf nun 8,15 bis 8,16 Milliarden Dollar. Das sind handfeste operative Fortschritte.

Gleichzeitig verdichten sich Gegenwinde: Der australische Supermarktkonzern Coles beendet seine seit 2024 laufende Datenanalyse-Partnerschaft mit Palantir bis 2027, nachdem eine Kampagne der Organisation GetUp mit rund 85.000 Unterschriften öffentlichen Druck aufgebaut hatte.

In Großbritannien äußern Abgeordnete nach einem Bericht der Schweizer Armee Sicherheitsbedenken zu Palantir-Verträgen, während der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan im Rechtsstreit um einen blockierten Vertrag mit der Metropolitan Police der Durchsuchung seiner Kommunikation zugestimmt hat.

Der Kurs notiert aktuell bei 156,46 Euro, ein Abstand von 20 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt, aber 13 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 179,98 Euro. Genau diese Gemengelage – wachsendes Auftragsbuch versus wachsende politische Reibung – macht den heutigen Tag zu einem Wendepunkt für die Einschätzung des Titels.

Die entscheidende Frage

Im Zentrum steht eine Bewertungsfrage, die der bekannte Investor Michael Burry pointiert aufgeworfen hat: Ist Palantir eher ein Softwareunternehmen mit skalierbaren Margen oder, wie Burry argumentiert, strukturell eher eine Beratungsfirma?

Burry stützt seine These auf die sogenannte Deferred-Revenue-Ratio von rund 32 Prozent, die er mit der von Accenture bei etwa 31 Prozent vergleicht – für ihn ein Indiz, dass Umsätze stärker projektgebunden und weniger wiederkehrend softwarebasiert generiert werden als der Marktwert von zuletzt rund 440 Milliarden Dollar suggeriert. Er erwartet, dass die Marktkapitalisierung auf unter 100 Milliarden Dollar fallen könnte. Ob diese These trägt oder ob die jüngste Umsatzanhebung sie widerlegt, dürfte die kommenden Quartale entscheiden.

Bullisches Szenario

Für Optimisten liefert der heutige Tag gleich mehrere Belege. Die erweiterte PwC-Allianz erschließt Enterprise-KI-Kunden außerhalb des klassischen Verteidigungsgeschäfts, während der TITAN-Auftrag das Rüstungssegment stärkt und über 18 Monate laufende Lieferungen an das US-Militär sichert.

Die Anhebung der Jahresumsatzprognose auf bis zu 8,16 Milliarden Dollar signalisiert, dass das Management operatives Vertrauen in die eigene Wachstumsdynamik hat.

Sollte sich dieses Momentum in kommenden Quartalen fortsetzen und die Deferred-Revenue-Struktur sich in Richtung wiederkehrender Softwareeinnahmen verschieben, würde Burrys Kernkritik an Substanz verlieren. Ein RSI von 59,7 signalisiert zudem, dass trotz der jüngsten Volatilität kein überhitzter Zustand vorliegt, der eine Korrektur erzwingen müsste.

Bärisches Szenario

Die Gegenseite hat ebenfalls Substanz. Burrys Vergleich mit Accenture trifft einen wunden Punkt: Wenn ein signifikanter Teil der Umsätze projektbasiert und personalintensiv ist, rechtfertigt das kaum die Softwaremultiple, mit der Palantir gehandelt wird.

Verschärfend kommt hinzu, dass ein zuvor angekündigtes Aktienrückkaufprogramm über eine Milliarde Dollar bislang nur zu 75 Millionen Dollar umgesetzt wurde, was Zweifel an der Kapitalallokation nährt.

Insiderverkäufe in dreistelliger Millionenhöhe über mehrere Monate hinweg verstärken das Störgefühl. Politisch wird es zudem enger: Der Vertragsverlust bei Coles ist vollzogen, keine bloße Ankündigung, und zeigt, dass öffentlicher Druck reale Geschäftsbeziehungen kappen kann.

Der Rechtsstreit um den Met-Police-Vertrag in London bleibt ungeklärt, ebenso die parlamentarische Prüfung in Großbritannien nach dem Schweizer Bericht – beides offene Verfahren ohne absehbaren Ausgang, aber mit Reputationsrisiko.

Ausblick

Solange die Umsatzdynamik die angehobene Guidance bestätigt und weitere Behördenaufträge wie das TITAN-Programm hinzukommen, dürfte die Aktie ihre Bewertungsprämie gegenüber klassischen Softwarewerten verteidigen können.

Kippt jedoch die Wahrnehmung der Ertragsqualität – etwa wenn künftige Quartalszahlen die Deferred-Revenue-Struktur nicht verbessern oder weitere Kunden wie Coles öffentlich abspringen – dürfte Burrys Bärenthese an Gewicht gewinnen und die Bewertungsdiskussion neu entfachen.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der Fortgang des Rechtsstreits um den Londoner Polizeivertrag sowie die Entwicklung der operativen Kennzahlen im kommenden Quartalsbericht, an dem sich zeigen wird, ob die jüngste Prognoseanhebung tragfähig bleibt.