Die Übernahmegeschichte um PayPal wird zur Geduldsprobe – und genau das spricht für das Management. Laut einem Bericht des Wall Street Journal verhandeln Stripe und der Finanzinvestor Advent International weiterhin mit PayPal, ein Abschluss könnte in den kommenden Wochen stehen. Für mich ist das entscheidende Signal dabei nicht das Tempo der Gespräche, sondern deren Zähigkeit.
Warum 60,50 Dollar zu wenig sind
Stripe und Advent hatten PayPal ursprünglich mit 60,50 Dollar je Aktie bewertet, insgesamt rund 53 Milliarden Dollar. CEO Enrique Lores ließ auf der Telefonkonferenz zu den Zahlen des zweiten Quartals am 28. Juli durchblicken, dass man nur einen Weg gehen werde, der „überlegenen Wert“ für die Aktionäre schafft – eine deutliche Absage an das bisherige Angebot. Unterm Strich lese ich daraus: Das Management fühlt sich nicht unterbewertet, sondern schlichtweg zu billig abgespeist.
Diese Haltung wirkt nicht wie reine Verhandlungstaktik, wenn man sie mit den operativen Zahlen abgleicht. PayPal übertraf im zweiten Quartal die Erwartungen: Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 1,38 Dollar gegenüber prognostizierten 1,28 Dollar, der währungsbereinigte Umsatz stieg um 3 Prozent auf 8,68 Milliarden Dollar und damit über die von Analysten erwarteten 8,47 Milliarden Dollar.
Für das Gesamtjahr rechnet PayPal nun mit einem bereinigten Gewinn von rund 5,38 Dollar je Aktie, mehr als der Konsens von 5,31 Dollar. Wer solche Zahlen liefert, hat gute Argumente, ein höheres Gebot einzufordern.
Der Sparkurs als zusätzliches Pfand
Parallel dazu treibt PayPal ein Kostenprogramm voran, das bis Jahresende Einsparungen von 400 Millionen Dollar bringen soll. Finanzchefin Jamie Miller bezifferte die Umbaukosten der ersten Phase auf 120 bis 140 Millionen Dollar für die zweite Jahreshälfte. Das ist kein kosmetisches Sparprogramm, sondern eine strukturelle Antwort auf den Vorwurf, PayPal sei operativ träge geworden.
Für mich untermauert das die Position, mit der Lores in die Übernahmeverhandlungen geht: Wer selbst an der Effizienz schraubt, hat mehr Substanz, um einen höheren Preis zu rechtfertigen.
Auch das operative Geschäft liefert Argumente gegen einen Ausverkauf zum Schnäppchenpreis. Seit August können Amazon-Kunden in Deutschland und Österreich über die Plattform PayPal Ratenzahlung nutzen, mit Laufzeiten von 3 bis 24 Monaten und exklusiv für Amazon zusätzlich 36 und 48 Monaten, bei Kaufsummen zwischen 30 und 10.000 Euro.
Mehr als 40 Millionen PayPal-Kunden erhalten damit Zugang zu einer Buy-Now-Pay-Later-Lösung direkt im Amazon-Kosmos. Das ist keine Randnotiz, sondern zeigt, dass PayPal trotz Übernahmespekulationen weiter aktiv Partnerschaften mit den größten Handelsplattformen der Welt ausbaut – ein Geschäftsmodell, das laufend an Reichweite gewinnt, statt zu stagnieren.
Was die Analysten daraus machen
Die Reaktion der Wall Street nach den Quartalszahlen war eindeutig positiv: JP Morgan hob das Kursziel Ende Juli auf 65 Dollar an, und auch Anfang August folgten weitere Anhebungen, etwa von Piper Sandler auf 59 Dollar mit Verweis auf Wertpotenzial jenseits des klassischen Checkout-Geschäfts.
Diese Bewegungen liegen über dem kolportierten Übernahmepreis von 60,50 Dollar – ein Indiz mehr dafür, dass der Markt PayPal höher einschätzt, als es das ursprüngliche Gebot suggeriert.
Am deutschen Handelsplatz spiegelt sich die vorsichtige Zuversicht: Die Aktie notiert bei 52,25 Euro und liegt damit rund 18 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 44,36 Euro – ein Zeichen, dass der jüngste Aufwärtstrend an Fahrt gewonnen hat. Zum bisherigen 52-Wochen-Hoch von 70,78 Euro bleibt allerdings noch deutlich Luft, was zeigt, wie viel Skepsis der Markt trotz der Übernahmefantasie noch einpreist.
Mein Fazit: Solange PayPal operativ liefert und gleichzeitig hart verhandelt, überwiegen für mich die Argumente, dass ein finales Angebot – sollte es kommen – spürbar über der ursprünglichen Marke von 60,50 Dollar liegen müsste. Die Zahlen und die Haltung des Managements sprechen dafür, dass PayPal sich seinen Wert nicht drücken lassen will.
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