Nach einem Höhenflug bis Mai ist der Kurs seither auf breiter Front eingebrochen – Sammelklagen, ein prominenter Auftragsstopp und eine wachsende Zahl von Leerverkäufern prägen inzwischen das Bild. Gleichzeitig kursieren weiterhin ambitionierte Kursziele einzelner Analysehäuser, die den kanadischen Photonik-Spezialisten als Profiteur des KI-Infrastrukturbooms sehen.

Kräftiger Kursverfall seit dem Frühjahrshoch

Zuletzt schloss die Aktie bei 6,52 Euro. Damit liegt der Titel 65,39 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 18,84 Euro, das im Mai markiert wurde. Allein in den vergangenen 30 Tagen verlor das Papier 38,49 Prozent an Wert – ein Tempo, das die Volatilität der Aktie unterstreicht. An der Nasdaq wurde POET am 20. Juli 2026 zuletzt mit 7,47 US-Dollar gehandelt, ein moderates Plus von 1,08 Prozent bei einem Handelsvolumen von knapp 9,93 Millionen Aktien. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von über 96 Prozent zeigt, wie nervös der Markt den Titel derzeit handelt.

Ausgangspunkt der Talfahrt war ein Kurssturz von 47,3 Prozent am 27. April 2026, nachdem Marvell nach Vorwürfen eines Vertraulichkeitsbruchs Bestellungen für Celestial-AI-Komponenten storniert hatte. Die Kanzlei Levi & Korsinsky hat daraufhin eine Sammelklage für den Zeitraum vom 1. bis 27. April 2026 eingereicht; die Frist zur Benennung eines Lead Plaintiff lief Ende Juni 2026 ab. Den Klägern zufolge habe POET seit 2020 lediglich 2,3 Millionen US-Dollar Umsatz erwirtschaftet, während die Zahl der ausstehenden Aktien seit Ende 2022 um 303 Prozent auf rund 153 Millionen gestiegen sei. Zudem stehen Vorwürfe zu fehlerhaften Angaben zur PFIC-Steuerklassifizierung im Raum.

Short-Interest steigt trotz Erholungsversuchen

Parallel zur juristischen Auseinandersetzung ist die Zahl der Leerverkäufer gewachsen. Zum Stichtag 30. Juni 2026 lag das Short-Interest bei 27,09 Millionen Aktien, entsprechend 17,73 Prozent des Streubesitzes, bei einer Eindeckungsdauer von 1,4 Tagen. Bereits im April hatte der Analysedienst Wolfpack Research eine Shortposition offengelegt, während das Short-Interest damals von 6,1 auf 8,6 Prozent gestiegen war. CFO Thomas Mika hatte in jener Phase eine Bestellung von Marvell im Zusammenhang mit Celestial AI bestätigt und auf ausstehende Order von Foxconn und Luxshare verwiesen – Aufträge, deren Ausbleiben seither Teil der Unsicherheit ist. Trotz der Turbulenzen blieb die Stimmung unter Privatanlegern zeitweise ausgesprochen bullisch, wie Beobachtungen der sozialen Handelsnetzwerke zeigten.

Bullische Kursziele stehen Cash-Verbrauch gegenüber

Ungeachtet der Risiken sehen manche Analysten weiterhin erhebliches Aufwärtspotenzial. Eine Einschätzung von 24/7 Wall St. beziffert das Kursziel auf 22,23 US-Dollar, was bei einem damaligen Kurs von 8,46 US-Dollar einem Potenzial von 163 Prozent entspräche; für die Folgejahre werden noch deutlich höhere Zielmarken genannt. Das Kalkül stützt sich unter anderem auf den Lumilens-Deal, der mit einer ersten Bestellung über 50 Millionen US-Dollar begonnen hat und über fünf Jahre ein Volumen von bis zu 500 Millionen US-Dollar erreichen könnte. Für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026 wies POET einen Umsatz von 503.389 US-Dollar aus, ein Plus von 201,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einem Verlust von 0,08 US-Dollar je Aktie. Institutionelle Adressen wie Citadel mit einem Anteil zwischen 5,1 und 5,9 Prozent sowie Jane Street mit 6,8 Prozent sind an Bord. Die Barreserve wird mit rund 430 Millionen US-Dollar beziffert, dem steht allerdings ein aufgelaufener Bilanzverlust von etwa 291 Millionen US-Dollar gegenüber.

Ein weiterer Beobachter beschrieb die Situation um POET jüngst als Folge eines Auftragsstaus im Zusammenhang mit Kapazitätsengpässen bei photonischen integrierten Schaltkreisen für Rechenzentren und nannte eine Unterstützungszone zwischen 7,30 und 7,60 US-Dollar. Für Anleger bleibt die Gemengelage aus Wachstumsversprechen, offener Klage und steigenden Shortpositionen die zentrale Herausforderung bei der Einschätzung der Aktie.