Fast 830 Millionen Dollar frisches Eigenkapital in zwölf Monaten, ein Produktionsplan, der weiter steht, und trotzdem ein Kurs, der binnen 30 Tagen fast ein Drittel verliert. Bei POET Technologies klaffen operative Fortschritte und Marktreaktion derzeit deutlich auseinander.

Die Aktie notierte am Donnerstag bei 8,49 Euro, nahezu unverändert gegenüber dem Vortagesschluss von 8,50 Euro. Anleger verarbeiteten frische Informationen von der Hauptversammlung des Unternehmens. Auf den ersten Blick wirkt der Tag ruhig. Der Blick auf die vergangenen Wochen zeigt ein anderes Bild.

Hauptversammlung bestätigt Kurs, Aktionäre stimmen zu

POET hielt seine Hauptversammlung virtuell ab und meldete anschließend die Abstimmungsergebnisse. Die Aktionäre wählten sechs Vorstandsmitglieder wieder, darunter Suresh Venkatesan und Glen Riley. Jeder Kandidat erhielt mindestens 94,35 Prozent Zustimmung.

Zusätzlich bestätigten die Aktionäre Davidson & Company LLP als Wirtschaftsprüfer, mit 97 Prozent der Stimmen. Über die reine Formalie hinaus nutzte das Management die Versammlung, um seinen Produktionsfahrplan zu bekräftigen.

Der Hochlauf der Fertigung soll wie geplant in der zweiten Jahreshälfte 2026 beginnen. Dann will POET erstmals optische Engines in Serie ausliefern. Bis Ende 2027 peilt der Konzern eine Kapazität von bis zu einer Million Einheiten pro Monat an.

Kapitalpolster wächst, Kundenpipeline füllt sich

Beim Kapital zeigte sich POET offensiv. In den vergangenen zwölf Monaten sammelte der Konzern 830 Millionen Dollar an Eigenkapital ein. Über Warrants könnten bei vollständiger Ausübung weitere 661 Millionen Dollar hinzukommen.

Auf der Ausgabenseite plant POET für die zweite Jahreshälfte 2026 rund 50 Millionen Dollar für den Kauf von Fertigungsanlagen ein. Beim Neukundengeschäft verweist das Unternehmen auf mehr als zehn aktive Gespräche. Zusammen sollen diese künftig mehr als 100 Millionen Dollar jährlichen Umsatz bringen.

Kurs unter Druck trotz operativer Fortschritte

Die Zahlen von der Hauptversammlung fallen in eine schwierige Phase für die Aktie. Auf Sicht von zwölf Monaten steht immer noch ein Plus von rund 74 Prozent zu Buche. Allein in den vergangenen sieben Tagen verlor der Titel jedoch knapp 5 Prozent, über 30 Tage sogar mehr als 28 Prozent.

Einige Analysten sehen die Bewertung inzwischen als überzogen an. Bei einer Marktkapitalisierung von 1,7 Milliarden Dollar liegt der Kurs über dem von InvestingPro ermittelten Fair Value. Das Analysehaus zählt POET damit zu den überbewerteten Werten der Branche.

Der Chart unterstreicht die Nervosität. Vom 52-Wochen-Hoch bei 18,84 Euro, erreicht am 15. Mai 2026, liegt die Aktie inzwischen fast 55 Prozent entfernt. Das 52-Wochen-Tief von 3,40 Euro aus dem November 2025 bleibt dagegen weit unten. Der Kurs notiert unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 10,43 Euro, hält sich aber oberhalb der 200-Tage-Linie bei 6,76 Euro — ein Hinweis auf einen langfristigen Aufwärtstrend, der zuletzt durch einen scharfen Rücksetzer unterbrochen wurde.

Klage belastet die Story weiter

Die guten Nachrichten von der Hauptversammlung räumen ein juristisches Problem nicht aus. Mehrere Anwaltskanzleien versenden weiterhin Investoren-Mitteilungen zu einer Sammelklage gegen POET. Der Vorwurf: irreführende Aussagen des Unternehmens.

Die Klage läuft vor dem US-Bezirksgericht für den Distrikt New Jersey. Sie richtet sich an alle, die zwischen dem 1. April 2026 und dem 27. April 2026, 8:57 Uhr Ostküstenzeit, POET-Aktien erworben haben. Im Kern geht es um Vorwürfe zu Steueroffenlegungen und einen Streit um eine Geschäftsvereinbarung mit einer Führungskraft.

Der Fokus richtet sich nun auf die zweite Jahreshälfte 2026. Dann muss POET zeigen, dass der angekündigte Produktionshochlauf tatsächlich beginnt. Konkrete Auslieferungszahlen und neue Details zur Kundenpipeline dürften entscheiden, ob sich das Vertrauen der Anleger stabilisiert — während die Klage im Hintergrund ungelöst bleibt.