Ein NDA-Bruch, ein Kurseinbruch von mehr als 45 Prozent und nun eine wachsende Reihe von Kanzleien, die Anleger mobilisieren. Für POET Technologies läuft der Juni auf eine juristische Entscheidungsphase hinaus.
Zwei Vorwürfe, ein Kurssturz
Die Klagen drehen sich um zwei Kernvorwürfe. Erstens soll POET seinen US-Aktionären verschwiegen haben, dass das Unternehmen möglicherweise als Passive Foreign Investment Company (PFIC) einzustufen ist — ein US-Steuerstatus mit erheblichen Nachteilen für amerikanische Anleger.
Der zweite Vorwurf wiegt operativ schwerer. CFO Thomas Mika soll am 21. April 2026 in einem öffentlichen Interview über die Geschäftsbeziehung mit Marvell Semiconductor und Celestial AI gesprochen haben — obwohl er zu diesem Zeitpunkt einem Geheimhaltungsvertrag mit Marvell unterlag. CEO Suresh Venkatesan soll von denselben vertraulichen Informationen gewusst haben.
Die Konsequenz folgte prompt. Marvell kündigte am 23. April 2026 schriftlich alle Bestellungen, einschließlich der Erstproduktionseinheiten, die POET bereits im April 2023 öffentlich angekündigt hatte. Als Begründung nannte Marvell Verstöße gegen Vertraulichkeitspflichten. Am 27. April brach die POET-Aktie intraday um mehr als 45 Prozent ein.
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Vier Kanzleien, eine Frist
Bernstein Liebhard LLP erinnerte am 2. Juni 2026 an die Frist für die Lead-Plaintiff-Bewerbung: der 29. Juni 2026. Drei weitere Kanzleien — Rosen Law Firm, Faruqi & Faruqi und Levi & Korsinsky — haben bereits Sammelklagen eingereicht. Der Klagezeitraum umfasst Käufe zwischen dem 1. und 27. April 2026.
Die Klagen wurden beim US-Bezirksgericht für den Distrikt New Jersey eingereicht. Anleger, die sich nicht als Lead Plaintiff bewerben, können trotzdem an einer möglichen Entschädigung teilnehmen.
Institutionelle Käufer, schwache Zahlen
Ausgerechnet im ersten Quartal 2026 — dem Zeitraum der angeblichen Fehlinformationen — bauten mehrere Hedgefonds ihre Positionen aus. Citadel Advisors erhöhte seinen Bestand um 273 Prozent auf knapp 1,85 Millionen Aktien. Tudor Investment Corp und Millennium Management stiegen neu ein. Insgesamt erhöhten 68 institutionelle Investoren ihre POET-Positionen, 58 reduzierten sie.
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Das operative Bild bleibt angespannt. Der Umsatz im ersten Quartal lag bei rund 503.000 US-Dollar — mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr. Der Nettoverlust weitete sich auf 12,3 Millionen US-Dollar aus. Das angehäufte Defizit beträgt 291 Millionen US-Dollar, hinzu kommt eine gemeldete Schwäche in der internen Kontrolle.
Im Mai schloss POET einen Liefer- und Entwicklungsvertrag mit Lumilens für photonische Wafer-Integration in KI-Netzwerken ab. Die erste Bestellung umfasst Module im Wert von 50 Millionen US-Dollar, mit Option auf mehr als 500 Millionen über fünf Jahre.
Zwei Termine in einer Woche
Am 26. Juni stimmen die Aktionäre über eine Verlegung des Unternehmenssitzes in die USA ab. Damit will POET den PFIC-Status beseitigen — genau jenen Steuerstatus, der einen der beiden Klagepunkte begründet. Drei Tage später läuft die Lead-Plaintiff-Frist ab. Ob die Redomizilierung die steuerrechtlichen Vorwürfe in der Klage abschwächt, werden die Gerichte klären müssen.
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