Nach dem heftigsten Einbruch seiner Handelsgeschichte sucht POET Technologies nach neuem Halt. Am heutigen Montag legt die Aktie um 3,61 Prozent auf 6,31 Euro zu, nachdem sie am Freitag bei 6,09 Euro geschlossen hatte. Von ihrem Rekordhoch aus dem Mai bei 18,84 Euro trennen den Titel damit weiterhin 66,51 Prozent.

Vom Rekordhoch zum Ausverkauf

Der Absturz hat einen konkreten Auslöser. Am 27. April brach die Aktie um 46 Prozent ein, nachdem POET bekanntgegeben hatte, dass Marvell Technology sämtliche Bestellungen bei Celestial AI storniert hatte. Marvell begründete den Schritt mit einem Verstoß gegen Vertraulichkeitsvereinbarungen. Zuvor hatte Finanzchef Thomas Mika einen Produktionsauftrag über 5 Millionen US-Dollar für optische 800G-Engines sowie offene Rechnungen gegenüber Celestial AI offengelegt. Zu den Hintergründen der Stornierung wollte Mika sich nicht äußern. Innerhalb kurzer Zeit fiel die Aktie damit von ihrem Zwischenhoch bei 15,50 US-Dollar um rund 49 Prozent.

Kapitalpolster deutlich gewachsen

Trotz des Rückschlags verfügt POET Technologies über eine solide Kapitaldecke. Nach Kapitalerhöhungen im vierten Quartal 2025 und im ersten Quartal 2026 hielt das Unternehmen im Juni Barmittel und kurzfristige Anlagen von mehr als 830 Millionen US-Dollar. Damit hat sich das Polster gegenüber dem Stand von rund 430 Millionen US-Dollar zu Jahresbeginn spürbar vergrößert. Operativ bleibt POET dagegen noch klein: 2025 erlöste das Unternehmen 1,07 Millionen US-Dollar bei einem Nettoverlust von 63 Millionen US-Dollar. Für 2026 peilt das Management den Versand von mehr als 30.000 optischen Engines an. Als Partner nennt das Unternehmen unter anderem Semtech, LITEON und NTT, zudem habe sich die Fertigungsreife verbessert.

Die Kombination aus hoher Liquidität und noch dünnem Umsatz prägt die Debatte um die Aktie. Befürworter verweisen auf die verbesserte Bilanz und die Kundenbasis als Fundament für den erwarteten Produktionshochlauf. Kritiker halten dagegen, dass POET seit 2020 insgesamt nur 2,3 Millionen US-Dollar Umsatz erwirtschaftet habe – dieser Einwand stammt aus einem Leerverkäuferbericht von Wolfpack Research, der zudem auf mögliche steuerliche Risiken durch eine PFIC-Einstufung hinwies.

Stimmung bleibt gespalten

Auf der Plattform Stocktwits blieb die Anlegerstimmung nach dem April-Crash trotz des Kurssturzes „extrem bullish“, das Nachrichtenvolumen stieg dort um rund 160 Prozent. Zur Jahresmitte lag die Aktie noch mit etwa 21 Prozent im Plus. Eine Einschätzung von TradingKey kommt zu dem Schluss, dass POET auch 2026 noch zu einer Kursrally fähig sei, die Hürde für einen erneuten Ausbruch nach oben aber gestiegen sei. Der technische Schaden aus dem Ausverkauf sei nicht ohne Weiteres wettzumachen, so die Einschätzung weiter.

Für Anleger bleibt die Gemengelage anspruchsvoll: Eine prall gefüllte Kasse verschafft POET Zeit, den angekündigten Hochlauf der Auslieferungen umzusetzen. Ob daraus tatsächlich Umsätze in relevanter Größenordnung entstehen, muss das Unternehmen nach dem Vertrauensverlust durch die Marvell-Stornierung erst wieder unter Beweis stellen. Die heutige Erholung um mehr als drei Prozent zeigt, dass Käufer bei niedrigeren Niveaus zumindest kurzfristig wieder zugreifen.