Wer die europäische Wiederaufrüstung in einer einzigen Aktie beobachten will, landet fast zwangsläufig bei Renk. Der Augsburger Getriebespezialist für Panzer, U-Boote und Schiffsantriebe liefert derzeit ein Paradebeispiel dafür, wie widersprüchlich sich der große Rüstungstrend an der Börse abbildet: Auftragsbücher quellen über, während der Aktienkurs seit Monaten Achterbahn fährt.
Am Donnerstag legte Renk seine Zahlen für das erste Halbjahr 2026 vor, und sie lesen sich wie ein Beleg für die These vom strukturellen Rüstungsboom. Der Auftragseingang kletterte auf rund 1,2 Milliarden Euro, ein Plus von 29,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Allein im zweiten Quartal gingen Bestellungen über 612,8 Millionen Euro ein – der höchste je in einem einzelnen Quartal verbuchte Wert in der Firmengeschichte. Das Verhältnis von neuen Aufträgen zu Umsatz, das sogenannte Book-to-Bill, sprang auf das 1,9-Fache. Der gesamte Auftragsbestand erreichte mit 7,4 Milliarden Euro einen neuen Höchststand. Der Umsatz selbst wuchs moderater um 2,7 Prozent auf 637,2 Millionen Euro – planmäßig, wie das Management betonte.
Die Prognose steht, die Rendite soll noch besser werden
Der Vorstand bestätigte das Jahresziel: mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz und ein bereinigtes EBIT zwischen 255 und 285 Millionen Euro. Konzernchef Sagel peilt dabei nach eigenen Worten die obere Hälfte dieser Spanne an – ein Signal, dass Renk nicht nur wächst, sondern auch profitabler werden will. Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere zeigt sich im Segment Gleitlager, wo wirtschaftlicher Gegenwind auf den Industriemärkten und deutlich höhere US-Zölle Spuren hinterlassen: Der Auftragseingang sank dort im ersten Halbjahr um 3,2 Prozent auf 64,2 Millionen Euro, der Umsatz um 4,4 Prozent auf 59,9 Millionen Euro, das bereinigte EBIT fiel von 10,4 auf 7,5 Millionen Euro. Renk ist eben kein reines Rüstungs-Play, sondern hängt in einem Teil des Geschäfts auch am Puls der globalen Industriekonjunktur – und die zeigt derzeit Schwächezeichen.
Parallel zum operativen Bericht arbeitet Renk am strukturellen Umbau. Ende Juli schloss der Konzern eine Refinanzierung über 1,05 Milliarden Euro ab und ersetzte damit die alten Konsortialkredite vollständig – aufgeteilt in einen langfristigen Kredit über 450 Millionen Euro, eine revolvierende Linie über 225 Millionen Euro und eine Garantielinie über 375 Millionen Euro, alles mit fünfjähriger Laufzeit und zwei Verlängerungsoptionen. Bemerkenswert dabei: Das bisherige Besicherungskonzept fällt weg, Renk gewinnt dadurch unternehmerische Handlungsfreiheit. Anfang Juli hatte das Unternehmen zudem einen verbindlichen Vertrag zur Übernahme von David Brown Defence unterzeichnet, einem britischen Spezialisten für Präzisionsgetriebe im Marine- und Landverteidigungsbereich mit rund 530 Beschäftigten. Der Abschluss wird weiterhin für das vierte Quartal erwartet.
Warum der Kurs trotzdem hinter dem Rekord zurückbleibt
Und hier liegt die eigentliche Pointe der Rüstungsrally: Trotz Rekordauftragsbuch notiert die Aktie noch immer 43,71 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 90,20 Euro, erreicht Anfang Oktober 2025. Die Erwartungen an die Zeitenwende waren offenbar so hoch geschraubt, dass selbst starke operative Zahlen sie nicht mehr vollständig einholen. Immerhin: Seit den Zahlen und dem Sprung über die 50-Euro-Marke hat sich das Bild wieder aufgehellt, binnen sieben Tagen legte der Kurs um 5,98 Prozent zu. JPMorgan bestätigte nach den Zahlen sein Votum „Overweight“ mit einem Kursziel von 75 Euro, Jefferies beließ es bei „Buy“ mit Kursziel 60 Euro – beide Häuser sehen also weiterhin deutliches Potenzial über dem Freitagsschluss von 50,77 Euro, an dem die Aktie um 1,01 Prozent nachgab.
Die eigentliche Frage für Anleger lautet daher weniger, ob Renk wächst – das tut der Auftragsbestand eindrucksvoll vor. Sie lautet, wie viel von diesem Wachstum der Markt nach den Enttäuschungen rund um NATO-Erwartungen und Sektor-Abstufungen der vergangenen Wochen überhaupt noch bereit ist einzupreisen.
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