Bei Renk lesen Analysten dieselbe Nachricht unterschiedlich. Barclays hält die leicht gesenkten Schätzungen nach dem vereinbarten Verkauf des Gleitlagergeschäfts an Miba für vernachlässigbar, andere Marktteilnehmer sehen in der auf fortgeführte Aktivitäten umgestellten Jahresprognose eine leichte operative Abschwächung.

Die Kursziele von neun Häusern reichen von 42,50 bis 73 Euro, und am 5. November legt das Unternehmen seine Neunmonatszahlen vor. Ist die Anpassung reine Abgrenzung oder die erste Bremsspur? Diese Frage geht direkt an Andreas Sommer.

Renk Group (DE000RENK730) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 30.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 30.10.2026.

Renk Group (DE000RENK730) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 30.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 30.10.2026.

Trading-Treff Redaktion: Sie predigen sonst, dass ein voller Auftragseingang noch keinen Gewinn macht. Bei Renk senken Analysten ihre Gewinnerwartungen, weil die deutschen Panzerprogramme langsamer hochlaufen. Und ausgerechnet hier bleiben Sie gelassen. Ist das nicht inkonsequent?

Andreas Sommer: Die Kürzungen sind passiert, und auch der langsamere Hochlauf ist Fakt. So weit gehe ich mit. Bestreiten muss ich den Schluss, den viele daraus ziehen: dass ein verschobener Abruf ein verlorener Abruf sei. Renk liefert außerhalb Russlands und Chinas rund drei Viertel der militärischen Präzisionsgetriebe.

Ein verspäteter Leopard oder Puma wandert deshalb nicht zur Konkurrenz ab, er kommt eben später. Welches Heer baut mitten im Programm seine gesamte Ersatzteil- und Wartungskette um? Der Konsens rechnet die Verschiebung sauber in die Schätzungen ein, handwerklich ist das korrekt.

Übersehen wird dabei die Lücke aus dem ersten Halbjahr 2026: Renk hat Rekordbestellungen gemeldet, die Erlöse sind aber deutlich langsamer gewachsen. Diese Lücke ist für die nächsten Quartale der Hebel. Schließen kann sie nur die Werkbank.

Trading-Treff Redaktion: Was müsste passieren, damit der Markt Ihre Geduld teilt?

Andreas Sommer: Geduld braucht er gar nicht. Er muss nur einmal sehen, dass aus vollen Auftragsbüchern tatsächlich ausgelieferte Getriebe werden. Ein Quartal genügt dafür, wenn es kein Ausrutscher ist.

Trading-Treff Redaktion: Dann zur Substanz. Die Prognose gilt jetzt nur noch für die fortgeführten Aktivitäten, und den Kaufpreis für die Gleitlager kennt niemand. Was ist Renk unter diesen Umständen überhaupt wert?

Andreas Sommer: Ich lande praktisch beim Median des Analysten-Konsens. Originell ist daran nichts, das gebe ich offen zu. Die Gleitlager sind für die Bewertung ein Rundungsfehler. Es ist ein ziviles Randgeschäft, das zur erklärten Strategie ohnehin nicht passte, denn Renk will bis 2030 rund 90 Prozent seines Umsatzes mit Verteidigung machen.

Viel wichtiger ist mir eine andere Zahl: Augsburg soll von etwa 700 auf über 1.800 Getriebeeinheiten pro Jahr ausgebaut werden. Solange dieser Ausbau im Plan liegt, ist der Abstand zwischen Kurs und Konsens im Grunde eine Prämie fürs Warten. Rutscht der Ausbau, dann ist der Konsens zu optimistisch. Und zwar spürbar.

Trading-Treff Redaktion: „Die Gleitlager sind für die Bewertung ein Rundungsfehler“, sagen Sie. Börsianer haben in der angepassten Prognose aber eben auch eine leichte operative Abschwächung gesehen. Machen Sie es sich da nicht zu bequem?

Andreas Sommer: Kann sein. Für die Bewertung bleibe ich bei meiner Aussage, für die Stimmung gilt sie nicht. Mit dem Ausweis nach IFRS 5 ab dem vierten Quartal vermischen sich zwei Effekte: der kleinere Berichtskreis und das, was operativ darunter passiert.

Falls tatsächlich eine Delle drinsteckt, vermute ich sie dort, wo sie schon im ersten Halbjahr sichtbar war, nämlich bei den Projekt- und Lieferplänen der Kunden. Das wäre ein Timing-Thema.

Am 5. November kommt der Test. Wächst der Auftragsbestand weiter, während der Umsatz zäh bleibt, hat Renk ein Durchsatzproblem. Bröckelt dagegen der Auftragseingang selbst, dann habe ich mich geirrt, und das früher, als mir lieb wäre.

Trading-Treff Redaktion: Genau dieser Durchsatz ist doch das Risiko. Renk packt mit dem dritten Saab-Auftrag und den unbemannten Überwasserschiffen noch mehr auf eine Lieferkette, die im Marinegeschäft schon gehakt hat. Wird das nicht zu viel?

Andreas Sommer: Hier liegt die offene Flanke, ja. Der Saab-Auftrag über drei Stirling-Stromerzeugungssysteme ist erfreulich, die unbemannten Schiffe sind eine Option. Für die nächsten zwei, drei Quartale bewegt beides wenig. Meine These hängt an einer einzigen Voraussetzung: Renk muss Zulieferer und eigene Fertigung in den Griff bekommen.

Im ersten Quartal 2026 hat ein Lieferantenengpass das Marinegeschäft bereits ausgebremst. Fällt diese Voraussetzung weg, bleibt ein Unternehmen mit einem Burggraben, den niemand angreift, und einem Auftragsbuch, das immer dicker wird, ohne dass der Gewinn mitwächst.

Ein exzellentes Geschäft mit einer frustrierenden Aktie also. Dann gehört der Wert eher an den unteren Rand der Analystenspanne. Ehrlich gesagt halte ich das für den wahrscheinlichsten Weg, auf dem ich danebenliege.

Trading-Treff Redaktion: Sie hängen viel am Ausbau in Augsburg auf über 1.800 Getriebeeinheiten. Wetten Sie bei Renk damit auf die Fabrik oder auf die Panzerprogramme? Entscheiden Sie sich.

Andreas Sommer: Auf die Fabrik, eindeutig. Die Panzerprogramme kommen, das ist politisch mehrfach abgestützt, vom NATO-Ziel bis zum Haushaltsentwurf 2027, auch wenn Letzterer noch ein Entwurf ist. Was der Markt nicht bepreist, ist das Tempo, mit dem Renk seinen eigenen Engpass auflöst.

Mein faires Niveau von rund 60 Euro setzt voraus, dass Augsburg liefert, und dann ist der heutige Kurs schlicht zu kleinmütig. Bis die Neunmonatszahlen und das vierte Quartal das belegen, kann es trotzdem noch unbequem werden.