Rheinmetall bekommt neue Milliardenaufträge – und trotzdem sacken die Kursziele der Analysten ab. Die Aktie notiert bei 1.009,80 Euro, ein Plus von 0,66 Prozent. Der Widerspruch zwischen operativen Erfolgen und skeptischer Analystenstimmung prägt gerade das Bild.
Bank of America kappt das Kursziel deutlich
Bank-of-America-Analyst Benjamin Heelan hat sein Kursziel für Rheinmetall drastisch gesenkt. Von 1.770 Euro rutscht die Marke auf 1.300 Euro. Die Kaufempfehlung bleibt trotzdem bestehen.
Heelan begründet den Schritt mit einem strukturellen Wandel der Kriegsführung. Drohnen und Präzisionswaffen verdrängen zunehmend klassische Munition. Das dämpft die langfristigen Erwartungen an Rheinmetalls traditionelles Kerngeschäft.
Auch andere Häuser äußern sich vorsichtiger. JPMorgan-Analyst David Perry wies bereits Anfang Juli auf das Tempo dieses technologischen Wandels hin. Er sieht Unsicherheit beim Gewicht der Sparten Munition und Militärfahrzeuge.
Ein verlorener Marine-Auftrag verstärkt die Zweifel zusätzlich. Die Bundeswehr vergab das Fregattenprogramm F126 Ende Juni überraschend an TKMS statt an Rheinmetall. mwb-Research-Analyst Jens-Peter Rieck strich daraufhin seine Kaufempfehlung – der Auftrag hatte die Übernahme des Schiffsbauers Naval Vessels Lürssen begründet. Nach dem NATO-Gipfel Anfang Juli stufte mwb research gleich mehrere Rüstungswerte herab, darunter Rheinmetall und HENSOLDT.
Neuer Großauftrag aus dem D-LBO-Programm
Operativ läuft es für Rheinmetall trotzdem weiter. Die deutsche Armee hat einen Auftrag über 100 Millionen Euro vergeben. Das Geld fließt in Hardware und Unterstützungsleistungen zur Digitalisierung der Fahrzeugflotte.
Der Auftrag gehört zum Projekt D-LBO, kurz für „Digitalisierung landbasierter Operationen“. Ziel ist die vollständige digitale Vernetzung der Landstreitkräfte. Fahrzeuge und Soldaten sollen künftig eng vernetzt sein. Auch Sensoren, Drohnen und Gefechtsstände tauschen dann in Echtzeit Daten aus.
Auftragnehmer ist die ARGE IT-Systemintegration, ein Konsortium aus Rheinmetall Electronics und dem Rüstungstechnologie-Unternehmen Blackned. Rheinmetall selbst ordnet den Abruf als Teil eines deutlich größeren Programms ein. Das Gesamtvolumen von D-LBO liegt im Milliardenbereich und zählt zu den zentralen Modernisierungsvorhaben der Bundeswehr.
Weitere Kapazitäten sind bereits eingeplant. Die ARGE stellt zehn zusätzliche Serienintegrationsteams bereit, und zwar vom vierten Quartal 2027 bis zum vierten Quartal 2028.
Rahmenvertrag mit Thales ergänzt das Bild
Rheinmetall legt auch bei einem zweiten Modernisierungsprogramm nach. Der Konzern hat einen Rahmenvertrag mit Thales unterzeichnet, der optronische Sichtsysteme umfasst. Diese sind für das Programm „Infanterist der Zukunft – erweitertes System“ gedacht.
Als Generalunternehmer beauftragt Rheinmetall einen mittleren vierstelligen Stückzahlbereich. Die erste Auslieferung ist für 2027 geplant. Danach soll die Produktion auf mehrere hundert Systeme pro Monat hochskalieren.
Konkurrenz gerät ebenfalls unter Druck
Die verhaltene Anlegerstimmung trifft nicht nur Rheinmetall. RENK verliert im XETRA-Handel zeitweise, HENSOLDT gibt nach, und auch TKMS notiert tiefer. Anders als bei Rheinmetall stehen bei den Wettbewerbern keine unternehmensspezifischen Nachrichten im Vordergrund.
Das Muster zeigt: Der gesamte Rüstungssektor steht derzeit unter erhöhter Beobachtung. Anleger bewerten neu, wie stark der Wandel hin zu Drohnen und Präzisionswaffen die klassischen Auftragsbücher belastet.
Der aktuelle Kurs liegt fast 33 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 1.503,36 Euro. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei knapp 69 Prozent. Sie zeigt: Der Markt hat sich noch nicht entschieden, ob neue Aufträge oder strukturelle Zweifel am Ende überwiegen.
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