Mit einem Schlusskurs von 946,60 Euro und einem nahezu unveränderten Tagesverlauf zeigte sich die Rheinmetall-Aktie zum Wochenausklang zwar stabiler als an den Vortagen, von einer echten Entspannung kann jedoch keine Rede sein. Innerhalb weniger Handelstage hat der Titel mehr als 20 % an Wert verloren und befindet sich charttechnisch weiterhin in einer kritischen Phase. Die zuvor wichtige Unterstützungszone um 1.120 Euro wurde deutlich unterschritten, während die nächste markante Auffanglinie erst im Bereich um 890 Euro verläuft.

Anleger richten ihren Blick deshalb zunehmend auf die Frage, ob die jüngste Korrektur bereits eingepreist ist oder ob weitere Belastungen bevorstehen. Am Wochenende nun gab es dazu keine neuen Informationen oder relevanten Meldungen.

Rheinmetall: Sehr niedrig bewertet

Im Mittelpunkt der Diskussion steht weiterhin das überraschende Aus des bisherigen F126-Fregattenprojekts. Nach der Entscheidung des Verteidigungsministeriums, statt der ursprünglich vorgesehenen Lösung künftig auf kleinere MEKO-A200-Fregatten von TKMS zu setzen, verliert Rheinmetall einen wesentlichen Baustein seiner langfristigen Marinestrategie. Besonders schwer wiegt dabei nicht allein das entgangene Auftragsvolumen, sondern die Tatsache, dass der Konzern seine erst vor wenigen Monaten erworbene Werftengruppe Naval Vessels Lürssen ursprünglich genau für diesen Ausbau des Marinegeschäfts positioniert hatte.

Der Kapitalmarkt bewertet solche strategischen Rückschläge inzwischen deutlich sensibler als noch vor einem Jahr. Während Anleger früher nahezu jede Nachricht aus dem Verteidigungssektor mit neuen Kursaufschlägen quittierten, rücken inzwischen Bewertung, Umsetzungsgeschwindigkeit und Kapitalrendite stärker in den Mittelpunkt. Mit einem Börsenwert von mehr als 44 Milliarden Euro bleibt Rheinmetall trotz des Kursrückgangs hoch bewertet. Entsprechend reichen bereits kleinere Zweifel an einzelnen Großprojekten aus, um deutliche Gewinnmitnahmen auszulösen.

Dennoch spricht vieles dafür, die aktuelle Entwicklung differenziert zu betrachten. Das operative Geschäft entwickelt sich unverändert solide. Die Nachfrage nach Munition, gepanzerten Fahrzeugen, Luftverteidigungssystemen und militärischer Elektronik bleibt hoch. Gleichzeitig profitieren zahlreiche NATO-Staaten weiterhin von steigenden Verteidigungsetats, wodurch Rheinmetall auf Jahre hinaus über eine gut gefüllte Projektpipeline verfügt. Auch die jüngsten Analystenstimmen zeigen trotz reduzierter Kursziele mehrheitlich weiterhin Kaufempfehlungen, da das langfristige Wachstumspotenzial als intakt angesehen wird.

Entscheidend dürfte nun werden, wie das Management den Verlust einzelner Marineprojekte kompensiert. Gelingt es, zusätzliche Aufträge im klassischen Landrüstungsgeschäft oder bei der Munitionsproduktion zu gewinnen, könnte der jüngste Kursrückgang rückblickend lediglich als normale Konsolidierung innerhalb eines langfristigen Aufwärtstrends erscheinen. Bleiben dagegen weitere Großaufträge aus oder verzögern sich wichtige Projekte, dürfte die Diskussion über die hohe Bewertung erneut an Intensität gewinnen. Der Halbjahresbericht Anfang August erhält dadurch eine Schlüsselrolle für die weitere Kursentwicklung.