Ausgangslage

American Rheinmetall hat den ersten von acht Prototypen des Kampffahrzeugs Lynx XM30 an die US-Armee übergeben. Zusätzlich hat die Bundeswehr eine vorläufige Verkehrszulassung für das unbemannte Aufklärungssystem LUNA NG erteilt.

Beide Meldungen klingen nach Fortschritt – die Börse reagierte dennoch mit einem Kursrückgang von rund 3 Prozent. Der Grund liegt nicht in den Nachrichten selbst, sondern in dem, was noch aussteht: Die eigentliche Entscheidung über einen möglichen Großauftrag der US-Streitkräfte fällt erst später.

Genau das macht die aktuelle Phase für Anleger heikel. Der Kurs schloss am Donnerstag bei 1.072,40 Euro und liegt damit 47 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 2.007,00 Euro aus dem Oktober – ein Abstand, der zeigt, wie stark die Erwartungshaltung seit dem Herbst zurückgeschraubt wurde.

Die entscheidende Frage

Im Zentrum steht der Wettbewerb um die Nachfolge der M2-Bradley-Panzerflotte der US-Armee. American Rheinmetall konkurriert mit General Dynamics Land Systems um einen Auftrag über rund 4.000 Kettenfahrzeuge, dessen Gesamtwert Medienberichten zufolge mehr als 45 Milliarden US-Dollar erreichen könnte.

Die Prototypen-Tests durch die US-Streitkräfte stehen noch aus, eine Vergabeentscheidung ist nicht getroffen. Für Anleger reduziert sich die Bewertungsfrage damit auf einen einzigen Punkt: Reichen die bisherigen operativen Erfolge – Umsatzwachstum, Rekordauftragsbestand, neue Rüstungsverträge – aus, um die Zeit bis zu einer möglichen US-Entscheidung zu überbrücken, ohne dass der Markt die Geduld verliert?

Die Zahlen sprechen bislang für Substanz. Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Umsatz um 69 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 3,289 Milliarden Euro, das operative Ergebnis lag mit 562 Millionen Euro rund 20 Prozent über dem Konsens.

Der Auftragsbestand überschritt erstmals 80 Milliarden Euro. Allerdings bleibt der operative Free Cashflow wegen Vorratsaufbau und verzögerter Anzahlungen deutlich negativ – ein Muster, das sich bereits im ersten Quartal zeigte.

Bullisches Szenario

Gelingt der Zuschlag für den Bradley-Nachfolger, würde Rheinmetall einen Fuß in den größten Rüstungsmarkt der Welt setzen, mit Serienproduktion direkt in den USA. Das würde die Position im US-Markt strukturell verändern und über Jahre Planungssicherheit schaffen.

Auch ohne den Mega-Auftrag liefert das operative Geschäft weiter Rückenwind: Der Skynex-Auftrag über mehrere hundert Millionen Euro, das Digitalisierungspaket mit der Bundeswehr im Volumen von rund 1,2 Milliarden Euro sowie die bestätigte Jahresprognose mit einem Umsatzwachstum von 25 bis 30 Prozent und einer operativen Marge von rund 15,5 Prozent zeigen ein breit diversifiziertes Auftragsbuch.

Der aktuelle Kurs notiert mit 1.072,40 Euro nur rund 2,0 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 1.094,73 Euro – ein Hinweis darauf, dass der kurzfristige Abwärtstrend zumindest an dieser Marke Widerstand findet.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt nicht nur in einer möglichen Vergabe an den Konkurrenten. Der Fall der F126-Fregatte im Juli, als ein 12,8-Milliarden-Euro-Auftrag gestrichen wurde und die Aktie zeitweise um 22 Prozent einbrach, hat gezeigt, wie empfindlich der Kurs auf gescheiterte Großprojekte reagiert.

Auch operativ mahnt die Historie zur Vorsicht: Der Konzern hatte den Konsens laut einer Einschätzung von JPMorgan-Analyst David Perry mehrfach verfehlt, was das Haus Anfang Mai zu einer Abstufung von Overweight auf Neutral und einer Kurszielsenkung veranlasste.

Diese Einschätzung datiert vier Monate zurück und spiegelt nicht zwingend die aktuelle Lage, macht aber deutlich, dass Wachstumszweifel bereits vor dem F126-Schock bestanden. Der andauernd negative operative Cashflow bei gleichzeitig hohem Kapitalbedarf für Vorratsaufbau bleibt ein strukturelles Risiko, sollte sich die Auftragsvergabe in den USA verzögern.

Ausblick

Solange der Auftragsbestand weiter wächst und die Jahresprognose Bestand hat, dürfte der Kurs an der Marke um den 50-Tage-Durchschnitt Halt finden. Kippt jedoch die Erwartung an den US-Großauftrag – etwa durch negative Signale aus den laufenden Prototypen-Tests – droht ein erneuter Test der Tiefstände nahe dem 52-Wochen-Tief von 902,50 Euro, das erst im Juni markiert wurde.

Der nächste konkrete Katalysator ist der Fortgang der Testphase für den Bradley-Nachfolger; eine offizielle Vergabeentscheidung der US-Armee steht bislang ohne festen Termin aus.