Rocket Lab hat gerade einen der größten Deals seiner Firmengeschichte eingefädelt. Die Aktie fällt trotzdem ins Bodenlose. Ein Widerspruch, der sich nur mit Blick auf ein einziges Bauteil erklären lässt: eine Rakete namens Neutron.

Am Freitag schloss die Aktie bei 67,62 US-Dollar, ein moderates Plus von 0,40 Prozent. Das täuscht über die Woche hinweg: Binnen sieben Tagen verlor das Papier 16,56 Prozent, binnen eines Monats sogar 37,38 Prozent. Der RSI von 30,1 signalisiert überverkauftes Terrain — ein Niveau, das Techniker normalerweise mit einer übertriebenen Verkaufswelle verbinden.

Der Auslöser: eine kalte Dusche von Piper Sandler

Der Kurssturz nahm diese Woche Fahrt auf, als Piper-Sandler-Analyst Alexander Potter die Coverage für Rocket Lab aufnahm. Sein Urteil: Neutral, Kursziel 83 Dollar. Potter bevorzugte zudem einen Konkurrenten aus derselben Branche — ein Detail, das der Markt nicht gut aufnahm.

Am 16. Juli brach die Aktie um mehr als 12 Prozent ein und markierte damit den tiefsten Stand seit dem 13. April. Von ihrem Jahreshoch bei 151,00 US-Dollar, erreicht am 27. Mai, hat das Papier mittlerweile 55,22 Prozent verloren. Auch der 50-Tage-Durchschnitt von 107,37 Dollar liegt inzwischen weit über dem aktuellen Kurs.

Ein Milliarden-Deal, der eigentlich für Kursfantasie sorgen sollte

Der Ausverkauf trifft Rocket Lab ausgerechnet in einer Phase, in der das Unternehmen einen strategischen Coup landet. Der Konzern will Iridium für 54 Dollar je Aktie in bar und Aktien übernehmen. Das entspricht einem Unternehmenswert von rund 8,0 Milliarden Dollar.

Analysten reagierten überwiegend euphorisch. Citizens-Analyst Trevor Walsh hob sein Kursziel von 95 auf 130 Dollar an und bestätigte sein Outperform-Rating. Seine Begründung: Der Deal beschleunigt den Vorstoß in höherwertige Weltraumanwendungen und schafft eine vertikal integrierte Plattform — von Startdiensten über Raumfahrzeugbau bis zur Spektrumsnutzung und Kommunikation im Orbit. Roth-Capital-Analyst Suji Desilva zog nach, ebenfalls mit einem Kursziel von 130 Dollar und einem Buy-Rating. Er bezeichnete den Zusammenschluss als transformativen Schritt, der Rocket Lab als vollständig integrierten Anbieter von Weltrauminfrastruktur positioniert.

Trotz dieser positiven Stimmen richtet sich der Blick der Anleger auf ein anderes Thema: die wiederkehrenden Verzögerungen bei Neutron.

Neutron bleibt der Knackpunkt

Neutron ist die wiederverwendbare Rakete für den mittleren Nutzlastbereich, mit der Rocket Lab gegen SpaceX antreten will. Ihr Erstflug hat sich bereits mehrfach verschoben. Ein Ausfall eines Treibstofftanks im Januar verschob den Termin vom ursprünglich geplanten ersten Quartal auf frühestens das vierte Quartal 2026 — bereits die zweite Verzögerung binnen etwas mehr als einem Jahr.

Kurzfristig bleibt der Entwicklungsstand von Neutron der entscheidende Katalysator für die gesamte Investmentthese. Genau hier liegt das größte Ausführungsrisiko.

Die Schätzungen zum fairen Wert der Aktie klaffen entsprechend weit auseinander. Ein häufig zitiertes Modell prognostiziert für 2029 einen Umsatz von 1,7 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 167,5 Millionen Dollar. Daraus ergibt sich ein fairer Wert von 103,91 Dollar — ein Aufwärtspotenzial von 32 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs. Optimistischere Szenarien gehen sogar von bis zu 2,2 Milliarden Dollar Umsatz und 365 Millionen Dollar Gewinn aus. Die breitere Analystengemeinde bleibt insgesamt positiv gestimmt: 16 Analysten vergeben im Schnitt ein Buy-Rating mit einem 12-Monats-Kursziel von 116,57 Dollar, ein Plus von 73,08 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.

Ein erster Testlauf für die Iridium-Seite des Deals steht bereits an. Iridium veröffentlicht seine Zahlen zum zweiten Quartal 2026 am Mittwoch, den 22. Juli. Eine Telefonkonferenz wird es wegen der laufenden Übernahme allerdings nicht geben — die Ergebnisse landen stattdessen direkt auf der Investor-Relations-Seite des Unternehmens. Für Rocket Lab selbst dürfte der nächste Neutron-Testmeilenstein darüber entscheiden, ob der aktuelle überverkaufte Zustand einen Boden markiert oder nur eine Verschnaufpause in einem längeren Abwärtstrend.