Ein Kurs, der binnen einer Woche zweistellig fällt, während das operative Geschäft munter neue Rekorde meldet – das ist die Ausgangslage bei Rocket Lab an diesem Wochenende. Für mich zeigt genau dieser Widerspruch, wohin die Reise beim Raumfahrtkonzern in den kommenden Wochen wahrscheinlich geht: nicht geradeaus, sondern mit Ausschlägen in beide Richtungen.

Die nackten Zahlen sprechen für Substanz

Rocket Lab schloss den Freitag bei 55,60 Euro, ein Minus von 4,1 Prozent an nur einem Tag. Auf Wochensicht steht ein Rückgang von 11 Prozent, seit Jahresbeginn liegt die Aktie 9,6 Prozent im Minus. Wer nur auf diese Zahlen schaut, sieht einen Wert im freien Fall.

Ich sehe das differenzierter: Der Abstand zum 52-Wochen-Tief von 32,60 Euro beträgt satte 71 Prozent, und auf Zwölfmonatssicht steht immer noch ein Plus von 35 Prozent. Das ist keine Aktie, die kollabiert – das ist eine Aktie, die nach einem steilen Anstieg auf ein Hoch von 133,80 Euro Ende Mai jetzt kräftig Dampf ablässt.

Der RSI von 34,8 signalisiert eine überverkaufte Lage, die annualisierte Volatilität von 73 Prozent zeigt, wie nervös der Markt diesen Titel gerade handelt.

Operativ liefert Rocket Lab weiter ab. Im zweiten Quartal 2026 meldete das Unternehmen einen Umsatz von 234,07 Millionen Dollar und übertraf damit den Konsens von 231,62 Millionen.

Der Verlust je Aktie fiel mit -0,08 Dollar etwas größer aus als die erwarteten -0,06 Dollar – solide, aber kein Ausreißer nach oben. 22 Brokerhäuser bewerten die Aktie im Schnitt mit „Moderate Buy“, das durchschnittliche Zwölfmonatsziel liegt bei 110,65 Dollar. Das wäre, gemessen am aktuellen Kursniveau, ein deutliches Aufwärtspotenzial – vorausgesetzt, die Wachstumsstory bleibt intakt.

Der SpaceX-Faktor drückt auf die Stimmung

Der eigentliche Belastungsfaktor der vergangenen Tage kommt nicht aus dem eigenen Geschäft, sondern von der Konkurrenz: SpaceX hat bei der US-Regulierungsbehörde FCC Beschwerde gegen die von Rocket Lab angestrebte Übernahme von Iridium eingelegt, ein Deal mit einem Volumen von 8 Milliarden Dollar.

Die Abstimmung darüber ist für den 24. September angesetzt. Diese Unsicherheit dürfte den Kurs stärker belasten als jede operative Kennzahl – schließlich hängt die variable Umtauschrelation des Deals vom Aktienkurs ab, was einen unangenehmen Rückkopplungseffekt erzeugt: Fällt die Aktie, wird der Deal für Iridium-Aktionäre weniger attraktiv, was wiederum neue Verkaufsdrucksignale auslösen kann.

Dazu passt, dass der Chief Accounting Officer Agostino Ricupati am 24. August Aktien im Wert von 46.582,47 Dollar verkaufte. Für sich genommen ist das keine Alarmglocke, doch es reiht sich ein in Insiderverkäufe von insgesamt 3.524.214 Aktien im Wert von 309,1 Millionen Dollar innerhalb von 90 Tagen.

Solche Verkaufswellen sind unter Führungskräften wachsender Unternehmen nicht ungewöhnlich, dennoch nehme ich sie als Mahnung, die Euphorie der letzten zwölf Monate nicht unkritisch fortzuschreiben.

Operative Fortschritte bleiben der Trumpf

Was mich an der Investment-These trotz der Turbulenzen nicht kalt lässt, sind die operativen Meilensteine der letzten Tage. Die Space Force hat Rocket Lab einen Vertrag über 266 Millionen Dollar für bis zu 18 Raketenabwehr-Missionen von Alaska aus zugesprochen – ein Beleg dafür, dass die HASTE-Suborbitalvariante der Electron-Rakete beim Militär als verlässlich gilt.

Am Samstag startete zudem der japanische Radarsatellit QPS-SAR-13 für den Kunden iQPS, bereits die achte von fünfzehn geplanten Missionen dieser Konstellation. Parallel testete das Unternehmen erfolgreich das Archimedes-Triebwerk für die kommende Neutron-Rakete, deren Debüt weiterhin für das vierte Quartal 2026 angepeilt wird.

Und mit der Gründung von Rocket Lab Germany GmbH positioniert sich der Konzern zusätzlich im europäischen Markt, wo laut Unternehmensangaben allein Deutschland bis 2030 über 40 Milliarden Dollar in die Raumfahrt investieren will.

Mein Fazit

Unterm Strich sehe ich hier keine Story, die zerbricht, sondern eine, die gerade eine Belastbarkeitsprüfung durchläuft. Die operative Substanz – Aufträge, Starts, Diversifizierung – wächst weiter. Der Kursdruck resultiert primär aus regulatorischer Unsicherheit rund um den Iridium-Deal und aus einer überzogenen Vorlaufrally, die jetzt korrigiert.

Solange die Auftragslage bei Space Force und kommerziellen Kunden stabil bleibt, überwiegen für mich die Chancen einer Stabilisierung die Risiken eines fortgesetzten Ausverkaufs. Entscheidend dürfte der 24. September werden, wenn über Iridium abgestimmt wird – bis dahin bleibt die Aktie ein Fall für Anleger mit stabilen Nerven.