Rocket Lab steckt in einem der ungewöhnlichsten Wall-Street-Widersprüche der Saison. Die Aktie ist binnen 30 Tagen um 36 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig sehen Analysten im Schnitt noch fast 80 Prozent Kurspotenzial nach oben.
Diese Kluft zwischen Kurs und Kurszielen ist selten. Sie entsteht aus einem Konflikt zwischen starken operativen Zahlen und wachsenden Zweifeln an der Finanzierung einer milliardenschweren Übernahme.
Starke Zahlen, große Zweifel
Operativ läuft es bei Rocket Lab gut. Der Umsatz im ersten Quartal stieg um rund 63 Prozent auf einen Rekordwert von 200,3 Millionen Dollar. Der Auftragsbestand kletterte auf 2,2 Milliarden Dollar, ein Plus von etwa 20 Prozent in nur drei Monaten.
Für das zweite Quartal erwartet das Management erneut einen Rekordumsatz zwischen 225 und 240 Millionen Dollar. Der Debütflug der größeren Neutron-Rakete soll wie geplant noch in diesem Jahr stattfinden.
Diese Wachstumszahlen erklären, warum viele Analysten optimistisch bleiben. Der Haken liegt woanders: bei der Bilanz und bei einem milliardenschweren Deal.
Der Iridium-Deal wird zur Belastung
Ende Juni kündigte Rocket Lab an, den Satellitenbetreiber Iridium Communications für einen Unternehmenswert von rund 8 Milliarden Dollar zu übernehmen. Iridium-Aktionäre sollen 54 Dollar je Aktie erhalten – 27 Dollar in bar, den Rest in Rocket-Lab-Aktien über eine Umtauschquote mit einer Kursspanne, die bei 67,50 Dollar beginnt.
Genau das ist jetzt das Problem. Rocket Lab notiert inzwischen unter dieser unteren Grenze. Der Aktienanteil der Finanzierung ist damit zum Streitpunkt geworden – Investoren fragen sich, wie der Deal am Ende tatsächlich bepreist wird.
Hinzu kommt der Cashflow. Im Geschäftsjahr 2025 verbrannte Rocket Lab netto 321,8 Millionen Dollar an freiem Cashflow. Allein im ersten Quartal sammelte der Konzern über ein Aktienplatzierungsprogramm weitere 450 Millionen Dollar ein – frisches Kapital, das aber auch zeigt, wie durstig das Unternehmen nach Liquidität ist.
Piper Sandler nahm die Coverage entsprechend vorsichtig auf: Neutral-Einstufung, Kursziel 83 Dollar, mit Verweis auf die hohe Bewertung. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei 54 – ein Wert, der selbst für Wachstumsaktien hoch ist.
Neue Aufträge sprechen dagegen
Parallel zu den Sorgen um die Iridium-Finanzierung meldet Rocket Lab weiter neue Geschäfte. Der japanische Satellitenbetreiber iQPS unterschrieb einen neuen Mehrfachstart-Vertrag über drei Missionen auf der Electron-Plattform, mit Starts ab Ende 2027. Es ist bereits die dritte Order dieser Größenordnung von iQPS innerhalb eines Jahres.
Kurz zuvor hatte die US Space Force einen Rekordauftrag vergeben: 266 Millionen Dollar für zwölf suborbitale Missionen vom Weltraumbahnhof Kodiak in Alaska, mit Optionen auf sechs weitere bis 2028. Es ist der bislang größte Auftrag dieser Art für das Unternehmen.
Diese Nachrichten stützten die Bullen-Fraktion. KGI Securities stufte die Aktie Ende Juli auf Outperform hoch mit Kursziel 107 Dollar, Bank of America bestätigte ihr Buy-Rating mit einem Ziel von 115 Dollar. Der durchschnittliche Konsens unter den Analysten liegt bei rund 106 Dollar.
Bei einem aktuellen Kurs von 56,30 Euro und einer Marktkapitalisierung von 35,11 Milliarden Euro zeigt sich, wie weit sich Markt und Analystenmeinung derzeit auseinanderbewegt haben.
Der Termin, der Klarheit bringen soll
Am 10. August 2026 legt Rocket Lab nach US-Börsenschluss die Zahlen für das zweite Quartal vor. Es ist der erste ausführliche Bericht seit der Iridium-Ankündigung – mit Blick auf Umsatzentwicklung, Kassenbestand und Fortschritte bei der Neutron-Rakete.
Der Bericht dürfte zeigen, ob die operative Stärke reicht, um die Sorgen um Cash-Verbrauch und Deal-Finanzierung zu zerstreuen. Bis dahin bleibt die Aktie zwischen zwei Erzählungen gefangen: einem Unternehmen mit Rekordwachstum und einem Unternehmen, dessen größte Wette gerade unter Finanzierungsdruck steht.
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