Rocket Lab hatte schon bessere Monate. Am Freitag brach die Aktie um 8,29 Prozent auf 56,40 Euro ein, binnen 30 Tagen summiert sich der Verlust auf fast ein Viertel. Für Aktionäre hat sich aus der Wachstumsstory ein handfester Stresstest entwickelt.

Der Absturz von der Spitze

Das Ausmaß der Korrektur ist beachtlich. Gegenüber dem 52-Wochen-Hoch von 133,80 Euro vom 27. Mai steht die Aktie jetzt fast 58 Prozent tiefer. Auf Jahressicht bleibt zwar noch ein Plus von 37,56 Prozent stehen — aber diese Zahl wirkt zunehmend wie ein Relikt einer Rally, die längst verpufft ist.

Der Kurs liegt inzwischen unter allen wichtigen gleitenden Durchschnitten, auch unter dem langfristigen 200-Tage-Schnitt bei 67,36 Euro. Ein Kurs, der unter sämtlichen Trendlinien notiert — das ist technisch gesehen ein Lehrbuchbeispiel für eine bärische Verfassung.

Nicht nur Rocket Lab, die ganze Branche verkauft ab

Ein Teil der Erklärung liegt im Sektor selbst. Die Investmentbank Piper Sandler nahm die Coverage von Rocket Lab und dem Konkurrenten AST SpaceMobile neu auf — und bevorzugte klar den Wettbewerber. Analyst Alexander Potter vergab für Rocket Lab lediglich ein „Neutral“-Rating, begründet mit einer im Vergleich attraktiveren Bewertung bei der Konkurrenz. Beide Aktien gaben daraufhin am Donnerstag deutlich nach.

Peers aus dem Weltraumsektor haben ähnlich heftige Rückgänge erlebt. Das spricht dafür, dass hier weniger ein Rocket-Lab-spezifisches Problem vorliegt als eine breitere Neubewertung spekulativer Raumfahrtwerte, seit neue, gut finanzierte Konkurrenten um die Aufmerksamkeit der Anleger buhlen. Für jeden, der die Aktie heute einschätzen will, ist das ein wichtiger Unterschied. Eine sektorweite Rotation ist etwas anderes als ein unternehmensspezifisches Versagen bei der operativen Umsetzung — trotzdem tut der Kursverfall den Aktionären genauso weh.

Neutron bleibt der entscheidende Unsicherheitsfaktor

Hinter dem Bewertungskollaps steckt vor allem die anhaltende Unsicherheit um Neutron, Rocket Labs nächste Raketengeneration und Dreh- und Angelpunkt der langfristigen Profitabilitätsthese. CEO Peter Beck verweist selbst darauf, dass der Blick auf die Teststände entscheidend sei — ein Hinweis darauf, wie genau der Markt den Zeitplan von Neutron als zentralen Stimmungsfaktor beobachtet. Ein Raketenprogramm unter derart intensiver Beobachtung ist genau die Art von Ausführungsrisiko, das hoch bewertete Wachstumsaktien überproportional bestraft, sobald die Stimmung kippt — und sie ist gekippt.

Das ist der Kern meiner Einschätzung: Rocket Labs Fundamentaldaten sind nicht kaputt. Rekordaufträge, ein wachsender Backlog, staatliche Nachfrage — all das steht weiterhin. Zerbrochen ist die Bereitschaft des Marktes, eine Prämienbewertung für ein Unternehmen zu zahlen, dessen größter Werttreiber im industriellen Maßstab noch unbewiesen ist, während Kapital anderswo im Sektor neuere, glänzendere Alternativen findet.

Überverkauft, aber kein klares Kaufsignal

Die technische Lage mahnt zur Vorsicht bei der Erzählung „die Aktie ist jetzt zu billig“ — zumindest kurzfristig. Ein RSI von 30,8 zeigt eine klar überverkaufte Aktie, während die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 88,21 Prozent das Ausmaß der Turbulenzen unterstreicht. Historisch können solche Bedingungen scharfe Erholungsrallys einleiten — sie können aber bei einer derart volatilen Aktie auch wochenlang anhalten, besonders ohne einen bestätigten kurzfristigen Auslöser für eine Stimmungswende.

Der Kurskonsens von 17 Analysten liegt bei 114,33 Euro und impliziert ein Aufwärtspotenzial von rund 78 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau — auf dem Papier durchaus verlockend. Allerdings dürften diese Modelle die jüngste Verkaufswelle noch nicht vollständig eingepreist haben, und sie setzen voraus, dass die Neutron-Entwicklung planmäßig verläuft. Solange Neutron nicht tatsächlich auf der Startrampe steht, würde ich jedem Kursziel mit echter Skepsis begegnen. Ich rechne damit, dass die Aktie in den kommenden Monaten ein volatiler, nachrichtengetriebener Trade bleibt und kein stetiger Wertsteigerer. Das Setup passt eher zu geduldigen, risikobereiten Anlegern als zu jenen, die kurzfristige Stabilität suchen.