Morgen steht Rocket Lab vor einer Weichenstellung, die den Zuschnitt des Raumfahrtkonzerns auf Jahre hinaus prägen wird. Wenn die Aktionäre am Donnerstag über die milliardenschwere Übernahme von Iridium Communications abstimmen, geht es um weit mehr als nur ein weiteres Firmenkapitel.

Für mich entscheidet sich hier, ob Rocket Lab den Sprung vom reinen Raketenbauer zu einem vollintegrierten Raumfahrt- und Datennetzwerkbetreiber schafft – oder sich an einem kostspieligen Großprojekt verhebt.

Ein teures Spektrum als strategischer Hebel

Im Zentrum der Transaktion steht das begehrte L-Band-Frequenzspektrum von Iridium. Vorstandschef Peter Beck macht kein Geheimnis daraus, worauf die Übernahme wirklich abzielt: Das Signal sei rund 1.000-mal stärker als herkömmliche GPS-Signale und damit deutlich widerstandsfähiger gegen Störungen.

Aus militärischer Sicht ist eine solche Technologie für sichere Verteidigungskommunikation Gold wert, wie auch der jüngste Auftrag der US Space Force über 397 Millionen Dollar für das SB-AMTI-Programm unterstreicht.

Beck rechnet vor, dass sein Unternehmen den Aufbau einer neuen Satellitenkonstellation für etwa 350 Millionen Dollar und in einer Spanne von 12 bis 24 Monaten stemmen könne. Zum Vergleich: Iridium benötigte dafür einst rund drei Milliarden Dollar und mehr als fünf Jahre.

Diese Zuversicht beeindruckt, birgt jedoch erhebliche Ausführungsrisiken. Raumfahrtprogramme sind notorisch anfällig für Verzögerungen und Budgetüberschreitungen. Wer darauf baut, eine Konstellation in einem Bruchteil der gewohnten Zeit und Kosten ins All zu bringen, muss fehlerfrei liefern.

Verwässerung bezahlt, Vertrauen gewonnen

Finanziell hat das Management die Weichen bereits gestellt, allerdings auf Kosten der bisherigen Anteilseigner. Die Finanzierung der Übernahme über einen Aktienverkauf im Volumen von 1,944 Milliarden Dollar führte zu spürbarer Verwässerung, machte dafür aber die ursprünglich vorgesehene Brückenfinanzierung über 3,6 Milliarden Dollar überflüssig.

Dass Rocket Lab diese Schuldenlast gar nicht erst entstehen ließ, halte ich für die kaufmännisch klügere Entscheidung, wenngleich der Kurszettel den Preis dafür bezahlt hat.

An den Märkten mehren sich die Stimmen, die den Schritt positiv werten. Prominenten Rückhalt lieferte gestern ARK Invest: Die Investmentgesellschaft um Cathie Wood kaufte 359.612 Papiere für rund 25,1 Millionen Dollar.

Auch das Analysehaus Cantor Fitzgerald bekräftigte seine positive Einstufung mit der Empfehlung „Overweight“ und einem Kursziel von 122 Dollar. Die Analysten sehen in der Iridium-Übernahme, deren formaler Abschluss für Mitte 2027 erwartet wird, gemeinsam mit der Trägerrakete Neutron einen zentralen Kurstreiber.

Raumfahrtwette mit erheblichem Hebel

Ein Blick auf das operative Fundament zeigt, dass Rocket Lab nicht aus einer Schwächeposition heraus handelt. Im zweiten Quartal kletterte der Umsatz um 62 Prozent auf den Rekordwert von 234 Millionen Dollar, während der Auftragsbestand um 137 Prozent auf 2,36 Milliarden Dollar anwuchs. Das operative Geschäft der Electron-Rakete liefert den nötigen Rückenwind, um größere Risiken einzugehen.

Dennoch bleibt die Bewertung anspruchsvoll. Mit einem aktuellen Kurs von 63,60 Euro notiert das Papier zwar 1,1 Prozent fester am heutigen Tag, liegt aber weiterhin 52 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 133,80 Euro. Die Skepsis vieler Marktteilnehmer über die Integration eines solchen Brocken ist spürbar.

Unterm Strich halte ich den strategischen Vorstoß dennoch für folgerichtig: Wer sich im Schatten von SpaceX behaupten will, darf nicht nur Transporter sein, sondern muss die lukrativen Datenströme selbst kontrollieren. Das Chance-Risiko-Profil bleibt hochspekulativ, aber die Weichen sind auf Expansion gestellt.