Während der Kurs von Rocket Lab seit dem Rekordhoch im Mai deutlich zurückgekommen ist, hat die Investmentbank Berenberg in der vergangenen Woche ein bemerkenswertes Gegensignal gesetzt. Für mich ist genau dieser Widerspruch zwischen Kursverlauf und frischer Analystenmeinung der eigentliche Stoff, aus dem sich derzeit ein Urteil über die Aktie bilden lässt.
Berenberg nahm die Coverage von Rocket Lab am 2. September mit einem Buy-Rating und einem Kursziel von 83 US-Dollar auf. Analyst Michael Filatov begründete das mit einer klaren These: Rocket Lab sei der einzige echte End-to-End-Pure-Play der Raumfahrtbranche, aktiv in Launch, Satelliten, Komponenten und Spektrum, mit einer faktischen Monopolstellung bei dedizierten Small-Lift-Starts und dem Einstieg ins Medium-Lift-Segment über die Neutron-Rakete.
Nur zwei Tage später, am 4. September, stufte Berenberg die Aktie sogar auf Strong Buy hoch. Wer eine Bank innerhalb weniger Tage vom Einstieg direkt zur höchsten Empfehlungsstufe springen sieht, sollte das nicht als Randnotiz abtun.
Gleichzeitig gab es auch eine vorsichtigere Stimme: BofA Securities senkte Ende August das Kursziel von 115 auf 110 US-Dollar, beließ die Kaufempfehlung aber bestehen. Das liest sich für mich weniger als Warnsignal, sondern eher als Anpassung an ein bereits eingepreistes, schwächeres Kursumfeld – die grundsätzlich positive Haltung blieb erhalten.
Operatives Geschäft liefert, der Kurs glaubt es nicht
Was mich an der aktuellen Skepsis des Marktes irritiert: Das operative Bild passt eigentlich nicht zu einem Kurs, der 20 Prozent unter dem 100-Tage-Durchschnitt und 59 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch notiert.
Am 3. September absolvierte Rocket Lab seine 94. Electron-Mission, den 15. Start des Jahres 2026, und brachte für den Kunden Synspective einen Erdbeobachtungssatelliten mit hundertprozentiger Erfolgsquote in eine niedrige Erdumlaufbahn. Mit Synspective stehen bis 2030 noch 16 weitere Electron-Starts im Buch – eine Visibilität, die viele Industrieunternehmen sich wünschen würden.
Dazu kommt operative Substanz aus dem historischen Zahlenwerk: Ein Rekordumsatz von 234 Millionen Dollar im zweiten Quartal, ein Rekordauftragsbestand von 2,36 Milliarden Dollar, ein Plus von 137 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Prognose für das dritte Quartal liegt bei 250 bis 265 Millionen Dollar Umsatz – nochmals ein Wachstumsschritt. Für mich zeigt das: Das Unternehmen wächst schneller, als der Kurs es aktuell honoriert.
Auch bei institutionellen Investoren gibt es ein Bekenntnis zur These: Cathie Woods ARK Invest kaufte Anfang September rund 480.800 weitere Aktien für etwa 32 Millionen Dollar zu – mitten in der Kursschwäche, nicht trotz ihr, sondern offenbar gerade deswegen.
Die Iridium-Übernahme als Belastungsfaktor für die Nerven
Ein Punkt spricht allerdings gegen zu viel Sorglosigkeit: die laufende Übernahme von Iridium. Die kartellrechtliche Wartefrist unter dem Hart-Scott-Rodino-Gesetz lief zwar bereits am 12. August ab, und Rocket Lab reichte parallel die Registrierungserklärung auf Formular S-4 bei der US-Börsenaufsicht ein.
Solche Großtransaktionen bringen aber regelmäßig Unsicherheit über Verwässerung, Integration und Timing mit sich – ein Umstand, der Kursdruck durchaus erklären kann, ohne dass die fundamentale Story beschädigt wäre.
Auch die Insiderverkäufe von CEO Peter Beck im Juli, bei denen der Equatorial Trust über mehrere Tage gut 3,27 Millionen Aktien zu Preisen zwischen rund 81 und 102 Dollar abgab, wirken auf den ersten Blick belastend. Da die Transaktionen aber automatisiert im Rahmen eines bereits im März aufgesetzten 10b5-1-Handelsplans erfolgten, spricht wenig dafür, darin ein Vertrauenssignal des Managements zu sehen.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegen für mich die Argumente, die für eine Unterbewertung sprechen: Rekordumsatz, wachsender Auftragsbestand, ein makelloser Track Record bei Electron-Starts, prominente Käufer trotz Kursschwäche und eine Bank, die binnen Tagen von Buy auf Strong Buy hochstuft.
Die Volatilität der Aktie – aktuell bei 66 Prozent annualisiert – bleibt hoch, und die laufende Iridium-Integration verdient Beobachtung. Doch die Diskrepanz zwischen operativer Dynamik und Kursverlauf dürfte sich meiner Einschätzung nach eher schließen, als dass sie sich weiter öffnet.
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