Für die Anleger von Rocket Lab brachte das Ende der Handelswoche einen herben Dämpfer: Am Freitag verlor der Titel im Handel 8,2 Prozent und ging bei 45,25 Euro aus dem Markt. Der Markt preist damit die Verzögerung beim Prestigeprojekt Neutron ein.

Für mich stellt sich an diesem Punkt jedoch eine entscheidende Frage: Handelt es sich um eine berechtigte Neubewertung oder um eine überzogene Marktreaktion? Die jüngsten Reaktionen renommierter Analysehäuser sprechen eine überraschend deutliche Sprache.

Wall Street stutzt Kursziele, hält aber am Optimismus fest

Dass ein solcher Rückschlag nicht spurlos an den Bewertungsmodellen der Experten vorbeigeht, versteht sich von selbst. Am gestrigen Freitag passte Citizens das Kursziel für den Raumfahrtkonzern an und strich die Erwartung von 130 $ auf 90 $ zusammen.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Kürzung als die Einstufung: Citizens bekräftigte ausdrücklich das Votum „Outperform“. Die Experten begründen den Schritt mit den Auswirkungen des verschobenen Neutron-Zeitplans auf die spätere Monetarisierung künftiger Raketenstarts.

In eine sehr ähnliche Kerbe schlug am Donnerstag bereits das Analysehaus KeyBanc. Dort reduzierten die Experten das Kursziel von 135 $ auf 100 $, beließen die Aktie jedoch unverändert auf „Overweight“. Beide Häuser vollziehen damit zwar die veränderten zeitlichen Rahmenbedingungen nach, verweigern sich aber dem reflexartigen Abverkauf.

Aus meiner Sicht ist genau dieses Festhalten an den positiven Einstufungen das eigentliche Signal der Stunde. Trotz empfindlicher Abschläge sehen beide Institute den fairen Wert des Unternehmens weiterhin weit über dem aktuellen Bewertungsniveau. Sie trauen der Führungsmannschaft offensichtlich zu, die operativen Probleme in den Griff zu bekommen.

Verzögerungen gehören in der Raumfahrt zum Standard

Der eigentliche Grund für die jüngste Nervosität liegt in der Verschiebung des Neutron-Erstflugs, der ursprünglich für das vierte Quartal 2026 avisiert war und nach Fertigungsproblemen in das Jahr 2027 wandert.

Bei Routineprüfungen der Kohlefaser-Kuppel des Treibstofftanks der ersten Stufe wurden Lufteinschlüsse festgestellt. Das Unternehmen teilte mit, den Fertigungsfehler identifiziert und behoben zu haben. Dennoch reicht eine solche Meldung an der Börse erfahrungsgemäß aus, um massive Abgaben auszulösen.

In der Raumfahrtindustrie sind Zeitplanänderungen allerdings eher die Regel als die Ausnahme. Dass Rocket Lab das Problem frühzeitig in der Fertigungsphase transparent adressiert, zeugt eher von technischer Sorgfalt als von einem strukturellen Scheitern. Teure Fehlschläge auf der Startrampe wären für die Bilanz und das Anlegervertrauen ungleich verheerender gewesen.

Parallel dazu sorgte bereits Anfang des Monats eine Pflichtmitteilung für Aufmerksamkeit, als Finanzvorstand Adam Spice am 1. Oktober 140.157 Aktien veräußerte. Der Erlös belief sich auf 9.925.448 $. Da dieser Verkauf jedoch über einen zuvor festgelegten Rule 10b5-1 Handelsplan abgewickelt wurde, taugt er kaum als Indiz für mangelndes Vertrauen der Führungsebene in das eigene operative Geschäft.

Wertendes Fazit für investierte Anleger

Mit einem Abstand von 66 Prozent zum 52-Wochen-Hoch notiert das Papier derzeit meilenweit unter seinen Spitzenständen. Wer in hochgradig wachstumsorientierte Raumfahrtwerte investiert, muss mit extremen Schwankungen leben können. Die jüngste Verkaufswelle spiegelt vor allem die Enttäuschung kurzfristig orientierter Akteure wider, denen der Zeithorizont bis zur ersten kommerziellen Verwertung der Neutron-Trägerrakete nun zu lang wird.

Unterm Strich überwiegt für mich dennoch die langfristige Substanz des Unternehmens. Dass zwei große Analysehäuser ihre Kaufempfehlungen trotz gekappter Kursziele aufrechterhalten, zeigt: Das Fundament steht nicht infrage.

Rocket Lab bleibt einer der wenigen kommerziellen Raumfahrtanbieter mit funktionierendem Bestandsgeschäft. Der Dämpfer bremst das Tempo, entwertet aber nicht die technologische Perspektive. Geduldige Anleger dürften diesen Rücksetzer daher eher als marktübliche Reifeprüfung denn als Wendepunkt einordnen.