Rocket Lab hat einen der schärfsten Ausverkäufe seiner Firmengeschichte hinter sich. Bei 61,50 Euro liegt die Aktie noch immer 54 Prozent unter ihrem Mai-Hoch von 133,80 Euro. Mein Blick auf die Zahlen sagt: Der Absturz ist überzogen — aber nicht grundlos.

Kein Firmenproblem, sondern eine Sektor-Verschiebung

Was auffällt: Bei Rocket Lab selbst ist operativ nichts kaputtgegangen. Der Großteil des Schadens geht auf eine Kapitalverschiebung zurück, ausgelöst durch den Börsengang von SpaceX mit einer Bewertung von rund zwei Billionen Dollar. Anleger, die Rocket Lab bisher als Ersatz für ein Investment in SpaceX nutzten, schichten nun direkt in die neue Aktie um.

Das ist keine Baisse wegen eines gescheiterten Starts oder eines verlorenen Auftrags. Es ist eine Bewertungskorrektur, verstärkt durch einen einzigen dominanten Neuzugang, der gerade sämtliche Aufmerksamkeit und Kapital auf sich zieht. Der RSI von 34,9 zeigt: Die Aktie ist technisch überverkauft. Zum 50-Tage-Durchschnitt von 89,14 Euro klafft eine Lücke von über 31 Prozent — ein Tempo-Problem, kein Wachstumsproblem.

Warum die Panik übertrieben wirkt

Operativ läuft es bei Rocket Lab so gut wie selten. Das erste Quartal brachte einen Rekordumsatz von 200,3 Millionen Dollar, der Auftragsbestand kletterte um 20 Prozent auf über 2,2 Milliarden Dollar. Dazu kommen frische Erfolge wie die VICTUS-HAZE-Mission der US Space Force.

Auf Zwölfmonatssicht steht die Aktie trotz des jüngsten Einbruchs noch mit 50 Prozent im Plus. Seit Jahresbeginn allerdings: null Prozent. Sämtliche Gewinne aus der ersten Jahreshälfte 2026 sind verpufft.

Ganz beiseite wischen lässt sich der Ausverkauf trotzdem nicht. Insider-Verkäufe fielen genau in die schwächste Phase: CEO Peter Beck verkaufte zwischen dem 6. und 8. Juli im Rahmen eines vorab festgelegten 10b5-1-Plans Aktien zu Kursen zwischen rund 82 und 102 Dollar. Vorab geplant hin oder her — das Timing war denkbar ungünstig für eine Aktie, die ohnehin schon unter Druck stand.

Neutron entscheidet über die nächste Phase

Der wichtigste Faktor für den Kurs ist nicht die Stimmung am Markt. Es ist die Ausführung bei Neutron, der Mittelklasse-Rakete, die im Zentrum der Wachstumsstory steht. Rocket Lab hält am vierten Quartal 2026 als Zieltermin für den Erstflug fest.

Jüngste Fortschritte bei der Hardware machen Mut. Gleichzeitig ist das Programm nicht frei von Reibung: Früher im Jahr gab es Rückschläge, darunter der Verlust von Bauteilen, die eigentlich für den Flug bestimmt waren.

Genau diese Mischung — ein rasch wachsendes Auftragsbuch bei gleichzeitig dünner öffentlicher Information zum Hardware-Status — erklärt die enorme Schwankungsbreite der Aktie. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 86 Prozent. Fünf feste kommerzielle Missionen stehen bereits vor dem Erstflug im Buch, doch seit Januar gibt es kaum neue Details zum technischen Fortschritt. Ein sauberer Erstflug würde Jahre an Anlegergeduld rechtfertigen. Ein weiterer Rückschlag würde den Zeitplan erneut zurückwerfen — und die Wunde im Kurs wieder aufreißen.

Iridium bringt Chance und Risiko zugleich

Zusätzlich zur Neutron-Frage steht die geplante Übernahme von Iridium im Raum. Der Deal soll Rocket Lab zu einem stärker vertikal integrierten Anbieter machen, mit wiederkehrenden, margenstarken Kommunikationsumsätzen und wertvollem L-Band-Spektrum. Das wäre eine echte Differenzierung gegenüber reinen Raketenbauern.

Der Markt muss aber nun zwei unbewiesene Großwetten gleichzeitig einpreisen: den technischen Erstflug von Neutron und eine große Firmenintegration. Und das in einem Moment, in dem die Risikobereitschaft für Wachstumsgeschichten spürbar nachgelassen hat.

Mein Fazit

Die technische Lage — ein RSI nahe 35, deutliche Abstände zu den gleitenden Durchschnitten, dazu ein Kurs, der immer noch fast 89 Prozent über dem Jahrestief von 32,60 Euro liegt — spricht dafür, dass der Markt bereits viel Pessimismus eingepreist hat. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel von 100,56 Euro impliziert ein theoretisches Aufwärtspotenzial von rund 63 Prozent. Das zeigt: Die fundamentale Wachstumsstory gilt an der Wall Street trotz des Einbruchs weiterhin als intakt.

Der Weg zurück zu diesem Kursziel führt aber direkt über den Neutron-Erstflug im vierten Quartal und eine reibungslose Integration von Iridium. Bis Rocket Lab die Teststände erreicht, die Beck selbst als nächsten echten Prüfstein bezeichnet hat, bleibt die Erholung der Aktie eher ein holpriger Weg als eine gerade Linie. Für mich ist das derzeit ein Kandidat für eine überverkaufte Gegenbewegung — aber noch keine Aktie, die sich das Vertrauen des Marktes bereits vollständig zurückerarbeitet hat.