Der jüngste Handelstag brachte den Anteilseignern von Rocket Lab keine Atempause. Am Freitag verlor das Papier 8,2 Prozent und schloss bei 45,25 Euro. Der Blick auf das Parkett zeigt jedoch ein bemerkenswertes Spannungsverhältnis: Während der Markt die Notierungen nach unten durchreicht, halten führende Branchenbeobachter an ihrer grundsätzlich zuversichtlichen Haltung fest – auch wenn sie ihre Erwartungen spürbar nach unten korrigieren mussten.

Wall Street passt die Erwartungen an

In den vergangenen Tagen haben gleich zwei Analysehäuser ihre Bewertungsmodelle an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst. Am Donnerstag senkte Clear Street das Kursziel von zuvor 129 $ auf 105 $, beließ die Einstufung für die Aktie jedoch auf „Buy“. Nur einen Tag später zog Citizens JMP nach: Das Institut reduzierte den fairen Wert am Freitag drastisch von 130 $ auf 90 $, hielt aber an dem Votum „Outperform“ fest.

Aus meiner Sicht ist diese Koppelung aus Zielkürzung und bekräftigter Kaufempfehlung ein klares Signal. Die Analysten verweigern sich der Panik, tragen aber der Tatsache Rechnung, dass die Bäume im Raumfahrtsektor nicht unbegrenzt in den Himmel wachsen.

Dass Citizens JMP sein Ziel um volle 40 $ kappen musste, verdeutlicht die Härte der Neubewertung. Gleichzeitig zeigt ein verbleibendes Ziel von 90 $, wie viel Aufwärtspotenzial die Experten dem Unternehmen trotz der Rückschläge mittelfristig noch zutrauen.

Der Neutron-Zeitplan als Belastungstest

Hintergrund dieser Anpassungen ist die veränderte Ausgangslage beim Prestigeprojekt des Konzerns: Fertigungsprobleme verschieben den Neutron-Erstflug in das Jahr 2027, nachdem die ursprüngliche Zielmarke im vierten Quartal 2026 lag. Rocket Lab hatte in Pflichtmitteilungen Lufteinschlüsse in der vorderen Treibstofftank-Kuppel aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff gemeldet.

Zwar gab das Unternehmen an, das Problem behoben und Prozessverbesserungen eingeleitet zu haben, doch für die Börse wiegt der Zeitverlust schwer. Medienberichten zufolge gilt diese Verzögerung als wesentlicher Treiber des jüngsten Abverkaufs.

Für Investoren bedeutet diese Verschiebung vor allem eines: Geduld. Die Entwicklung von Trägerraketen verzeiht keine Nachlässigkeiten, und Fertigungsfehler in der Verbundwerkstoff-Struktur frühzeitig zu adressieren, ist operativ die einzig richtige Entscheidung.

Finanziell betrachtet verschiebt sich damit jedoch auch der Zeitpunkt, an dem Rocket Lab mit Neutron in lukrative höhere Nutzlastklassen vordringen kann. Mit einem Abstand von 66 Prozent zum 52-Wochen-Hoch preist der Markt die Verzögerung bereits mit einem deutlichen Risikoabschlag ein.

Wertendes Fazit

Unterm Strich spricht vieles dafür, dass die Marktreaktion der vergangenen Tage über das Ziel hinausgeschossen ist. Die verbliebenen Einstufungen von Clear Street und Citizens JMP verdeutlichen, dass das fundamentale Vertrauen in die technologische Kompetenz von Rocket Lab ungebrochen ist. Verzögerungen bei der Erstentwicklung einer völlig neuen Raketenklasse sind in der Raumfahrtbranche eher die Regel als die Ausnahme.

Gleichwohl sollten Anleger die Risiken nicht unterschätzen. Bis zum neuen Startfenster im Jahr 2027 bleibt die Aktie anfällig für jeden weiteren operativen Stolperstein.

Für mich überwiegen auf dem aktuellen Bewertungsniveau zwar die langfristigen Chancen, doch wer hier engagiert ist, braucht starke Nerven und einen langen Atem. Die Phase der schnellen Vorschusslorbeeren ist vorbei – jetzt zählt für Rocket Lab allein die fehlerfreie industrielle Umsetzung.