Ausgangslage: Kursdruck trifft auf operative Rekorde

Rocket Lab steckt in einem auffälligen Widerspruch. Operativ meldet das Unternehmen einen Rekordauftragsbestand von 2,36 Milliarden Dollar, ein Umsatzplus von 62 Prozent im zweiten Quartal und eine Serie neuer Verträge – zuletzt drei zusätzliche Electron-Starts für iQPS sowie eine gebuchte Neutron-Mission von Kepler Communications für 2028. Am Kapitalmarkt kommt davon wenig an: Die Aktie notiert aktuell bei 57,50 Euro, ein Minus von 11 Prozent binnen sieben Handelstagen und satte 57 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 133,80 Euro. Der Relative-Stärke-Index von 36 signalisiert eine überverkaufte Lage, der Kurs liegt 17 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt.

Der Zeitpunkt ist heikel: Am heutigen Mittwoch gaben SpaceX, AST SpaceMobile und Rocket Lab gemeinsam nach, nachdem eine Anordnung der US-Regierung für 1.000 Weltraumstarts pro Jahr bis 2030 die Branche eigentlich hätte beflügeln sollen. Stattdessen richtet sich der Fokus der Anleger auf ein einziges, ungelöstes Thema: den Zeitplan der Neutron-Rakete.

Die entscheidende Frage: Hält der Neutron-Zeitplan?

Rocket Labs Bewertung hängt an einem Produkt, das noch nicht geflogen ist. Die Neutron-Rakete, ausgelegt für 13.000 bis 15.000 Kilogramm Nutzlast in den niedrigen Erdorbit, soll den Sprung vom kleinen Electron-Träger zum mittelschweren Marktsegment markieren – und damit zur EBITDA-Rechnung des Unternehmens beitragen.

Technisch gibt es Fortschritte: Die sogenannte „Hungry Hippo“-Nutzlastverkleidung wurde qualifiziert und für Tests mit simulierten 275.000 Pfund Kraft nach Virginia transportiert, das Bauteil bleibt für Wiederverwendung an der ersten Stufe.

Gleichzeitig berichten Marktbeobachter von einem Riss am Testtank im Januar und mahnen erneut mögliche Verzögerungen an. Ein Debüt wird für 2026 oder 2027 in Aussicht gestellt, ein festes Datum nennt das Unternehmen nicht. Solange Neutron nicht abgehoben hat, bleibt jede Aussage zum Marktanteil im Mittelklasse-Segment eine Prognose, keine Tatsache.

Bullisches Szenario: Diversifikation zahlt sich aus

Für Optimisten spricht die Breite des Geschäfts jenseits von Neutron. Rocket Lab testet mit optischen Kommunikationsterminals auf einem KSAT-Hyperion-Satelliten den Einstieg in Relaisnetzwerke – ein Feld mit potenziell höheren Margen als klassische Trägerdienste.

Die US-Raumfahrtbehörde Space Force hat das Unternehmen zusammen mit Amazon und Lockheed Martin für ein Space-Data-Network-Programm ausgewählt, zusätzlich läuft ein Vertrag über 266 Millionen Dollar für suborbitale Raketenabwehr-Missionen im Rahmen des HASTE-Programms.

Das Electron-Geschäft liefert operativ verlässlich: Die 93. Mission wurde erfolgreich durchgeführt, mit iQPS und Synspective bestehen mehrjährige Serienverträge über insgesamt Dutzende weiterer Starts.

Sollte die geplante Übernahme von Iridium – ein Deal im Volumen von 8 Milliarden Dollar, für den die kartellrechtliche HSR-Wartefrist bereits abgelaufen ist und ein Form-S-4 eingereicht wurde – zum Abschluss kommen, würde Rocket Lab zusätzlich Zugang zu Iridiums Umsatzbasis von 870 Millionen Dollar und einer Basis von 2,55 Millionen Abonnenten erhalten.

Bärisches Szenario: Schulden, Lieferketten und ein Rating auf „Sell“

Die Risikoseite ist ebenso konkret. Die Finanzierung der Iridium-Übernahme erfolgt teils über einen Brückenkredit von 3,6 Milliarden Dollar, was die Verschuldung von Rocket Lab spürbar erhöhen dürfte.

Analysten von Seeking Alpha stufen die Aktie deshalb mit „Sell“ ein und verweisen zusätzlich auf eine Abhängigkeit von Germanium, einem Rohstoff, dessen Lieferketten stark von China dominiert werden. Hinzu kommt: 42 Prozent des Umsatzes stammen aus Festpreis-Regierungsverträgen, die Kostensteigerungen kaum weitergeben lassen.

Auch die jüngste Marktreaktion zeigt Nervosität – neben dem allgemeinen Branchenrückgang infolge der Trump-Anordnung für 1.000 Jahresstarts fiel die Aktie zusätzlich, weil ein anderer Analyst erneut vor Verzögerungen bei Neutron warnt.

Institutionelle Investoren wie Lotus Technology Management bauen zwar weiter Positionen auf, doch das ändert nichts an der grundsätzlichen Abhängigkeit vom Neutron-Termin.

Ausblick: Der Testflug als Weichensteller

Solange der Auftragsbestand wächst und Electron zuverlässig startet, bleibt das operative Fundament intakt – der jüngste Kursrückgang wirkt dann eher wie eine Neubewertung des Risikos als ein Vertrauensverlust in das Kerngeschäft.

Kippt hingegen der Neutron-Zeitplan erneut, dürfte der Markt die Bewertungslücke zum bisherigen Hoch nicht schließen, sondern eher ausweiten – zumal die Iridium-Integration dann parallel zusätzliche Kapitalbelastung schaffen würde.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der geplante Transport der Neutron-Hardware für den Erststart sowie der weitere Fortschritt bei der Iridium-Transaktion, deren aufsichtsrechtlicher Weg mit dem Form-S-4 bereits eingeleitet ist, aber noch keinen bestätigten Abschlusstermin trägt. Anleger, die die Aktie beobachten, sollten diese beiden Marken – nicht die Tagesbewegung des Kurses – als eigentliche Signalgeber behandeln.