Ausgangslage: Zwischen Rekordauftragsbuch und Verschiebung

Rocket Lab steckt in einer Phase, in der operative Erfolge und strategische Fragezeichen dicht beieinanderliegen. Anfang des Monats meldete das Unternehmen für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 234,07 Millionen Dollar, mehr als von Analysten erwartet, und ein Rekordauftragsbuch von 2,36 Milliarden Dollar.

Zugleich fiel der Verlust je Aktie mit 0,08 Dollar höher aus als die prognostizierten 0,06 Dollar. Der Kurs reagierte mit deutlichen Verlusten – ein Muster, das seither anhält: Binnen sieben Tagen verlor die Aktie 16 Prozent, aktuell notiert sie bei 57,70 Euro und damit rund 18 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 70,03 Euro.

Parallel dazu läuft das operative Geschäft weiter: Am 20. August absolvierte Rocket Lab seine 93. Electron-Mission für das japanische Erdbeobachtungsunternehmen iQPS, am 16. August startete die erste Tranche von acht Satellitenplattformen für MDA Space im Rahmen eines 143-Millionen-Dollar-Auftrags.

Am 31. August steht mit „Owl Around The World“ für Synspective der nächste Electron-Start an. Diese Kadenz zeigt: Das etablierte Geschäft läuft rund. Der eigentliche Unsicherheitsfaktor liegt an anderer Stelle.

Die entscheidende Frage: Wie teuer wird Iridium – und wann fliegt Neutron?

Zwei Baustellen überlagern das Tagesgeschäft. Erstens die Übernahme von Iridium Communications: Die kartellrechtliche Wartezeit nach dem HSR Act lief am 12. August ab, das Unternehmen reichte eine Form-S-4-Registrierung sowie Anträge auf Übertragung von FCC-Lizenzen ein.

Zur Finanzierung des Cash-Anteils kündigte Rocket Lab ein neues „At-the-Market“-Aktienprogramm über bis zu 1,944 Milliarden Dollar an – ein Volumen, das bei Investoren spürbare Sorgen vor Verwässerung auslöste.

Zweitens die Neutron-Rakete, das mittelschwere Trägersystem, das Rocket Lab in eine neue Umsatzklasse katapultieren soll. Laut SEC-Unterlagen vom 10. August peilt das Unternehmen den Erstflug nun frühestens für das vierte Quartal 2026 an, abhängig von Qualifikationstests der ersten Stufe – mit dem ausdrücklichen Risiko einer weiteren Verschiebung ins Jahr 2027. Für Anleger verdichtet sich damit die Kernfrage: Gelingt es Rocket Lab, die Kapitalaufnahme für Iridium so zu steuern, dass die Verwässerung begrenzt bleibt, während Neutron ohne weitere Verzögerung an den Start geht? Fällt beides zusammen negativ aus, trifft es die Bewertung doppelt.

Bullisches Szenario: Militärgeschäft und Auftragsbuch als Stabilisatoren

Für ein positives Szenario sprechen die jüngsten Regierungsaufträge. Am 18. August sicherte sich Rocket Lab einen 12-Millionen-Dollar-Auftrag der U.S. Space Force zur Erprobung sicherer optischer Kommunikation über die Photon-Plattform und trat der Space Data Network Consortium bei.

Bereits am 17. August war das Unternehmen als einer der Anbieter für das mit 981 Millionen Dollar dotierte NITE-STAR-Programm der Space Force bis 2030 ausgewählt worden. Sollte Neutron im vierten Quartal tatsächlich starten und Iridium ohne größere zusätzliche Kapitalmaßnahmen über die Bühne gehen, dürfte das Rekordauftragsbuch von 2,36 Milliarden Dollar als Fundament für eine Neubewertung dienen.

Cantor Fitzgerald hob das Kursziel am 11. August von 96 auf 122 Dollar an und bestätigte ein „Overweight“-Rating; KeyCorp bekräftigte am selben Tag ebenfalls „Overweight“.

Bärisches Szenario: Verwässerung, Verlustausweitung und Sektorschwäche

Das Risiko liegt in der Kombination aus Kapitalbedarf und operativer Verlustlage. Das ATM-Programm über knapp zwei Milliarden Dollar signalisiert, dass die Iridium-Übernahme substanzielle frische Mittel erfordert – bei einer Gesellschaft, die im zweiten Quartal die Verlustschätzung verfehlte.

Verzögert sich Neutron zusätzlich über 2026 hinaus, fehlt der erwartete Wachstumstreiber genau dann, wenn die Aktienbasis bereits ausgeweitet wurde. Verschärft wird das Bild durch den Sektortrend: Am 24. August gaben Raumfahrtwerte branchenweit nach, da Investoren aus verlustreichen, wachstumsstarken Infrastrukturtiteln abzogen.

Wall Street Zen stufte Rocket Lab bereits am 15. August von „Hold“ auf „Sell“ herab. Auch mehrere Insiderverkäufe von Finanzvorstand Adam Spice und Manager Arjun Kampani im Zusammenhang mit RSU-Vestings am 22. August – laut Einreichungen primär zur Deckung von Steuerpflichten – ändern am grundsätzlichen Bild wenig, tragen aber nicht zur Stabilisierung der Stimmung bei.

Ausblick: Zwei Termine entscheiden die nächste Phase

Solange das Auftragsbuch wächst und die Militärverträge planmäßig abgearbeitet werden, bleibt die operative Basis intakt – der RSI von 36,3 signalisiert zudem eine bereits fortgeschrittene Verkaufsphase. Kippt jedoch die Neutron-Verschiebung tatsächlich ins Jahr 2027 oder muss das ATM-Programm in vollem Umfang gezogen werden, dürfte der Druck auf die Bewertung anhalten.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der Electron-Start „Owl Around The World“ am 31. August; mittelfristig entscheidend wird der Fortschritt der Neutron-Qualifikationstests im weiteren Jahresverlauf.