RWE navigiert durch widersprüchliche Strömungen: Das Bundeskartellamt attestiert dem Essener Konzern eine kritisch hohe Marktmacht im deutschen Strommarkt. Gleichzeitig treibt das Unternehmen mit dem britischen Offshore-Projekt Norfolk Vanguard West seine internationale Expansion voran. Am 12. März legt RWE die Jahreszahlen 2025 vor – ein Termin, der Klarheit über die strategische Ausrichtung bringen soll.

Kartellamt sieht RWE als unverzichtbar

Die Kartellbehörde hat RWE eine dominante Position im deutschen Strommarkt bescheinigt. Der Grund: Der Konzern ist in überdurchschnittlich vielen Stunden unverzichtbar für die Deckung der Stromnachfrage. Als marktbeherrschend gilt ein Erzeuger, wenn er in mehr als 5 % der Jahresstunden „pivotal“ ist – also systemrelevant für die Versorgungssicherheit. Bei RWE liegt dieser Wert zwischen 4,3 % und 11,1 %.

Die gestiegene Marktmacht resultiert weniger aus aggressiver Expansion als vielmehr aus dem Wegfall von Konkurrenzkapazitäten. Mit der schrittweisen Abschaltung alter Kohlekraftwerke anderer Betreiber rückt RWE automatisch in eine stärkere Position.

Offshore-Großauftrag in Großbritannien

Parallel zum regulatorischen Gegenwind setzt RWE klare Wachstumsimpulse: Der Konzern hat mit Vestas einen Vertrag über 92 Offshore-Windturbinen vom Typ V236-15 MW für das Projekt Norfolk Vanguard West geschlossen. Die Gesamtkapazität von 1.380 MW soll nach Inbetriebnahme rund 1,5 Millionen britische Haushalte mit Strom versorgen.

Das Projekt liegt mehr als 45 Kilometer vor der Küste Norfolks. RWE sicherte sich im Allocation Round 7 einen Contract for Difference zu 91,20 GBP/MWh. Der Finanzinvestor KKR steigt mit 50 % ein – ein Beispiel für RWEs „Capital-Light“-Strategie über Partnerschaften. Die finale Investitionsentscheidung soll im Sommer 2026 fallen, die Inbetriebnahme ist für 2029 geplant.

Reduzierter Investitionsrahmen und Aktienrückkauf

RWE hat seinen Investitionsplan für 2025 bis 2030 von ursprünglich 45 Milliarden auf rund 35 Milliarden Euro gekürzt. Zugleich läuft ein Aktienrückkaufprogramm über 1,5 Milliarden Euro. Für die Hauptversammlung am 30. April 2026 schlägt der Vorstand eine Dividende von 1,20 Euro je Aktie vor.

Ab 2028 sollen etwa 75 % des EBITDA aus Wind- und Solarenergie stammen. Dies bedeutet einen Schwenk hin zu risikoärmeren, besser planbaren Ertragsströmen.

Jahreszahlen als Wegweiser

Die Veröffentlichung der Jahreszahlen am 12. März wird zeigen, wie RWE die Gratwanderung zwischen Investitionskürzungen und Wachstumszielen bewältigt. Anleger dürften besonders auf Details zum angepassten Investitionsrahmen und zur Cashflow-Entwicklung achten. Die Aktie legte seit Jahresbeginn um 14,4 Prozent zu und notiert aktuell bei 53,60 Euro.

Als Risikofaktor gilt eine mögliche Nachfragezerstörung durch beschleunigte Deindustrialisierung in Europa, die zu anhaltend gedrückten Strompreisen führen könnte. Die britischen Offshore-Erfolge stärken zwar das langfristige Wachstum, der heimische Markt bleibt jedoch unter kartellrechtlicher Beobachtung.