Ausgangslage

Salesforce hat die Erwartungen an das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 deutlich übertroffen und die Jahresprognose kräftig angehoben. Der Umsatz kletterte im Jahresvergleich um 11 Prozent auf 11,3 Milliarden Dollar, das bereinigte Ergebnis je Aktie verdoppelte sich nahezu auf 5,90 Dollar.

Der Konzern hob die Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 46,1 bis 46,4 Milliarden Dollar an und stellte ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von 16,67 bis 16,71 Dollar in Aussicht. Parallel dazu meldete Salesforce mit Anthropic eine erweiterte Partnerschaft namens Claudeforce, die künftig in einer offenen Betaphase ab September 2026 anlaufen soll.

Die Aktie hat darauf mit einem der stärksten Kursschübe ihrer Geschichte reagiert: Allein binnen sieben Handelstagen legte sie um 23 Prozent zu, über 30 Tage summiert sich das Plus auf 34 Prozent.

Am Freitag schloss das Papier bei 221,00 Euro, ein Tagesplus von 2,1 Prozent. Damit nähert sich Salesforce dem 52-Wochen-Hoch von 229,90 Euro vom 21. Oktober 2025, von dem es nur noch 3,9 Prozent entfernt notiert.

Für Anleger stellt sich nun eine andere Frage als noch vor zwei Wochen: Ist der Kurssprung der Beginn einer nachhaltigen Neubewertung, oder hat der Markt die gute Nachricht bereits vollständig eingepreist?

Die entscheidende Frage

Der Kern der Debatte dreht sich um Agentforce, die KI-Agentenplattform von Salesforce. Der jährlich wiederkehrende Umsatz aus Agentforce überschritt im zweiten Quartal die Marke von 1,5 Milliarden Dollar, mit einem Wachstum von mehr als 240 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zusammen mit Data 360 kommt Salesforce auf eine kombinierte annualisierte Erlösbasis von über 3,9 Milliarden Dollar. Entscheidend ist, ob dieses Wachstumstempo anhält, denn nur dann rechtfertigt sich die Erwartung, dass Salesforce sein traditionelles Softwaregeschäft um ein zweites, schneller wachsendes Standbein ergänzt.

Die Nutzung der Plattform nimmt konkrete Formen an: Salesforce meldete kumuliert 7 Milliarden abgewickelte „Agentic Work Units“, davon 3,2 Milliarden allein im zweiten Quartal – ein Sprung von 97 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Ob sich dieses Nutzungswachstum in dauerhaft höhere, profitable Vertragsvolumina übersetzt, wird der eigentliche Prüfstein für die aktuelle Bewertung sein.

Bullisches Szenario

Setzt sich das Momentum bei Agentforce fort, hätte Salesforce einen glaubwürdigen Beleg dafür geliefert, dass klassische Softwarekonzerne im Zeitalter generativer KI nicht zwangsläufig zu Verlierern werden. Die Kooperation mit Anthropic über Claudeforce könnte diesen Trend verstärken, sollte die für September geplante offene Betaphase auf breite Nachfrage stoßen.

Zusätzlichen Rückenwind liefert das aktive Erwartungsmanagement des Managements: Die Prognose für das dritte Quartal sieht einen Umsatz von 11,42 bis 11,50 Milliarden Dollar sowie ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von 3,42 bis 3,44 Dollar vor. Bestätigt sich dieser Pfad, dürfte die Aktie weiteren Spielraum in Richtung des bisherigen 52-Wochen-Hochs haben.

Bärisches Szenario und Risiken

Der starke Kursanstieg hat die Aktie technisch stark überkauft: Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 78 Prozent, ein Hinweis auf erhöhte Nervosität im Handel. Fundamentaler wiegt ein anderer Punkt: Die Gesamtverschuldung ist laut einer Pflichtmitteilung von 10,44 Milliarden Dollar zum Ende des vorherigen Geschäftsjahres auf 39,29 Milliarden Dollar gestiegen.

Der Anstieg resultiert unter anderem aus der im März umgesetzten Aktienrückkaufaktion über 25 Milliarden Dollar, die teilweise über eine Schuldenaufnahme in gleicher Höhe finanziert wurde – die größte Kapitalmaßnahme in der Unternehmensgeschichte. Sollte das Wachstum bei Agentforce ins Stocken geraten, würde die höhere Zinslast stärker auf die Marge drücken als bislang eingepreist.

Auch die im Juni vereinbarte Übernahme von Contentful GmbH steht noch unter Vorbehalt der Kartellprüfung; eine unerwartete Verzögerung bis zum geplanten Abschluss zwischen Juli und September 2027 wäre kein fundamentaler Rückschlag, würde aber die Integrationsgeschichte belasten.

Ausblick

Solange Agentforce seine Wachstumsraten hält und die für September angekündigte offene Betaphase von Claudeforce planmäßig anläuft, dürfte der Markt die höhere Verschuldung als vertretbaren Preis für die KI-Transformation akzeptieren.

Kippt dagegen das Nutzungswachstum bei den Agentic Work Units oder verzögert sich der Rollout der Anthropic-Partnerschaft, dürfte die Diskussion um die gestiegene Schuldenlast schnell wieder in den Vordergrund rücken.

Der nächste konkrete Prüfstein ist damit der Fortschritt der Claudeforce-Betaphase im September, gefolgt von den Zahlen zum dritten Quartal, deren Guidance das Unternehmen bereits selbst gesteckt hat.