„Ich spüre den Druck“, sagte SAP-Chef Christian Klein der Süddeutschen Zeitung am Mittwoch. Für ein Unternehmen, dessen Aktie zuletzt von Rekord zu Rekord eilte, ist das ein bemerkenswertes Geständnis. Genau dieser Kontrast – ein Konzern im Kursrausch, dessen Chef öffentlich Unsicherheit über die eigene KI-Strategie einräumt – lohnt einen genaueren Blick, bevor man die Rally unkritisch feiert.

Rückkäufe als Kurstreiber

Zum Handelsschluss am Freitag notierte die SAP-Aktie bei 178,66 Euro, ein Wochenplus von 12,17 Prozent steht zu Buche. Wer die Erholung allein an den Fundamentaldaten festmacht, blendet aus, dass ein guter Teil davon aus dem eigenen Konzern selbst kommt. Am Dienstag hatte SAP in einer Kapitalmarktmitteilung Details zum laufenden Aktienrückkaufprogramm veröffentlicht, das im Januar mit einem Volumen von bis zu 10 Milliarden Euro und einer Laufzeit bis Ende 2027 gestartet war. Nach Konzernangaben kaufte SAP allein zwischen dem 27. und 31. Juli weitere 2,18 Millionen eigene Aktien über Xetra zurück, Gesamtvolumen rund 344,3 Millionen Euro, durchschnittlich gezahlter Kurs 157,62 Euro je Aktie.

Bemerkenswert: Der damalige Rückkaufkurs liegt spürbar unter dem aktuellen Niveau. Das zeigt zweierlei – Management hat frühzeitig und diszipliniert eingekauft, doch je höher die Aktie jetzt steigt, desto teurer wird jeder weitere Rückkauf. Wer die Kursstütze als Dauerlösung betrachtet, sollte das im Kopf behalten. Trotz der jüngsten Dynamik notiert das Papier immer noch 30,67 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 257,70 Euro vom August vergangenen Jahres. Von einem vollständigen Comeback kann also keine Rede sein, eher von einer Stabilisierung nach einem langen Abwärtstrend.

Cloud-Erfolg trifft auf KI-Nervosität

Fundamental hat SAP durchaus etwas vorzuweisen. Der Cloud-Backlog kletterte im zweiten Quartal auf 22,9 Milliarden Euro, ein Plus von 27 Prozent, das Cloud-ERP-Suite-Geschäft wuchs um 25 Prozent. Zusammen mit der Entscheidung der EU-Kommission, die kartellrechtliche Überprüfung der On-Premise-Wartungsrichtlinien ohne Bußgeld zu beenden, verschaffte das der Aktie bereits am vergangenen Dienstag zusätzlichen Rückenwind – seither steht ein Plus von 5,6 Prozent. Zugleich passte SAP seinen Non-IFRS-Betriebsgewinnausblick 2026 wegen der im Juli abgeschlossenen Übernahmen von Dremio und Prior Labs leicht nach unten an, auf 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro, während die Cloud-Umsatzprognose von 25,8 bis 26,2 Milliarden Euro bestätigt blieb.

Und dennoch: Klein selbst mahnte im SZ-Interview zur Eile. Wenn das eigene KI-Werkzeug Geschäftsprozesse nicht besser verstehe als ein mit Anthropic gebauter Agent, „dann haben wir ein Problem“, so seine Worte. „Niemand in den USA oder China wartet auf uns“, fügte er hinzu. Mit dem AI Agent Hub hatte SAP zuvor bereits eine Antwort auf die Governance-Frage rund um autonome KI-Agenten skizziert – doch dass der eigene Chef Monate später noch von Druck spricht, relativiert die Beruhigungswirkung dieser Ankündigung. Zur Kursentwicklung selbst sagte Klein, die Aktie sei in den vergangenen eineinhalb Jahren abgestürzt, das freue ihn nicht, doch aktuell werde eine ganze Branche infrage gestellt.

Analysten uneins – und mein Fazit

Am 27. Juli reagierten Analysten unterschiedlich auf die Quartalszahlen. Berenberg senkte das Kursziel von 215 auf 205 Euro, hält aber an der Kaufempfehlung fest. UBS bestätigte ihre Kaufempfehlung, nannte aber ein Kursziel von lediglich 164 Euro – ein Wert, den die Aktie mit 178,66 Euro bereits überschritten hat. Diese Spanne zeigt, wie unterschiedlich die Häuser das weitere Potenzial einschätzen.

Für mich überwiegt derzeit die technische Erschöpfung das fundamentale Momentum. Eine Aktie, die binnen eines Monats kräftig zugelegt hat und dabei ein Kursziel bereits überholt, signalisiert Vorsicht statt Euphorie. Die Rückkäufe stützen den Kurs, die Cloud-Zahlen liefern Substanz – doch solange der eigene Konzernchef offen von Wettbewerbsdruck spricht, bleibt die Bewertung eine Wette auf Zukunft, nicht auf Gegenwart. Am 21. Oktober, wenn SAP die Zahlen zum dritten Quartal vorlegt, dürfte sich zeigen, ob die Story trägt oder ob die Rally vor allem ein Rückkauf-Phänomen war.