Henrik Muhle vom Vermögensverwalter Gané sieht SAP an einer entscheidenden Position im KI-Zeitalter. „SAP sitzt genau an der richtigen Stelle“, erklärte er am Samstag. Seine These: Während Konkurrenten um KI-Anwendungen ringen, verfügt SAP bereits über die Kundenbindung und die Datenbasis, die es braucht, um von der Entwicklung zu profitieren statt von ihr verdrängt zu werden.

Diese Einschätzung fällt in eine Phase, in der SAP operativ deutliche Fortschritte zeigt. Der Cloud-Auftragsbestand legte im zweiten Quartal um 26 Prozent zu – ein Wert, der die Wachstumsstory des Konzerns untermauert und Muhles Argument stützt, dass Bestandskunden und ihre Daten einen Schutzwall gegen neue KI-Anbieter bilden.

Der Vergleich mit Salesforce

Muhles Argumentation gewinnt zusätzliches Gewicht durch einen Blick auf die Konkurrenz. Salesforce sprang Ende August um mehr als 20 Prozent nach überraschend starken Quartalszahlen. Der Sprung zeigt, dass der Markt Software-Anbieter mit belastbaren KI-Strategien honoriert, sobald sie liefern. Für SAP ist das ein Signal: Wer seine Kundenbasis in profitables Wachstum übersetzt, wird von Anlegern nicht abgestraft, sondern belohnt.

Die Aktie selbst hat einen bemerkenswerten Weg hinter sich. Seit ihrem Tief bei 128 Euro hat sich das Papier um fast 50 Prozent erholt, wie Muhle mit Stand vom Samstag festhält. Diese Erholung fällt in eine Phase, in der der breite deutsche Aktienmarkt am Freitag kaum von der Stelle kam – belastet von hohen Ölpreisen wegen des Iran-Konflikts und der Aussicht auf länger hohe Zinsen infolge robuster US-Beschäftigungsdaten.

Ein Trend mit Substanz

Bemerkenswert an der SAP-Erholung ist, dass sie nicht auf einem einzelnen Ereignis beruht, sondern auf einer Kette operativer Fortschritte. Der Auftragsbestand in der Cloud-Sparte wächst zweistellig, während gleichzeitig die Sorge vieler Anleger schwindet, KI-Anbieter könnten etablierte Softwarehäuser wie SAP kannibalisieren.

Muhles Kernthese läuft genau dieser Angst entgegen: Die enge Verzahnung von SAP mit den Geschäftsprozessen seiner Kunden macht das Unternehmen selbst zu einem Nutznießer der KI-Welle, nicht zu ihrem Opfer.

Diese Sichtweise dürfte auch deshalb Gehör finden, weil der Konzern in der öffentlichen KI-Debatte präsent bleibt – Ende der kommenden Woche tritt SAP neben Google, OpenAI, Anthropic und Microsoft als Sprecher bei einer KI-Konferenz in Dresden auf, die sich der praktischen Umsetzung von KI im Mittelstand widmet.

Bewertung bleibt der Prüfstein

Trotz der Kursrallye bleibt die Bewertungsfrage offen. Der Aktienkurs notierte zuletzt bei 185,10 Euro und damit noch rund 24 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 242,00 Euro – ein Abstand, der zeigt, dass die Erholung Luft nach oben lässt, aber auch, dass frühere Höchststände noch nicht wieder erreicht sind.

Anleger, die Muhles Einschätzung teilen, dürften den aktuellen Kursbereich als Einstiegschance werten. Skeptiker verweisen darauf, dass die Erholung bereits einen erheblichen Teil des Potenzials vorweggenommen haben könnte.