Zwei Tage vor der Bilanzvorlage rutscht die SAP-Aktie weiter ab. Am Dienstag verliert das Papier 2,29 Prozent und fällt auf 135,90 Euro. Am Donnerstag legt der Softwarekonzern seine Zahlen zum zweiten Quartal vor – und diese Zahlen könnten die Richtung für Wochen vorgeben.

Ausgangslage: Nervosität vor dem Termin

SAP veröffentlicht die Geschäftszahlen für das zweite Quartal 2026 am 23. Juli nach US-Börsenschluss. Der aktuelle Kurs liegt nur 3,90 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 130,80 Euro. Gleichzeitig klafft eine riesige Lücke zum Jahreshoch: Vom Rekord im Juli 2025 trennen die Aktie mittlerweile 48,43 Prozent.

Bis zur Zahlenvorlage gilt die sogenannte Quiet Period. Das Management äußert sich in dieser Zeit nicht zur laufenden Geschäftsentwicklung. Konkrete Aussagen fehlen also – der Markt handelt bis Donnerstag reine Erwartungen.

Die entscheidende Frage: Bremst das Cloud-Geschäft weiter?

Im Zentrum steht eine einzige Kennzahl: das Cloud-Wachstum. Analysten erwarten für das zweite Quartal ein Plus von 22 Prozent, beim Auftragsbestand im Cloud-Geschäft rechnet der Markt mit 23 bis 24 Prozent Wachstum.

Zum Vergleich: 2025 hatte SAP noch ein Tempo von 25 Prozent vorgelegt. Die Richtung zählt hier mehr als das absolute Niveau. Fällt das Wachstum erneut zurück, dürfte der Markt das als Warnsignal lesen. Stabilisiert es sich oder zieht sogar wieder an, könnte das verlorenes Vertrauen zurückbringen.

Bullisches Szenario: Bewertung spricht für Erholung

Für eine Gegenbewegung sprechen die Einschätzungen namhafter Analysten. Morningstar-Analyst Rob Hales taxiert den fairen Wert der SAP-Aktie auf 265 Euro. Er vergibt die Bestnote von fünf Sternen und verweist auf einen breiten Burggraben bei mittlerem Unsicherheitsrating.

Auch die breitere Analystengemeinde bleibt mehrheitlich konstruktiv. Von 18 erfassten Einschätzungen lauten 14 auf Kaufen, drei auf Halten, nur eine auf Verkaufen. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 199,57 Euro – rund 45 Prozent über dem aktuellen Niveau.

Zeigt SAP am Donnerstag, dass sich die milliardenschweren Investitionen in Cloud und künstliche Intelligenz auszahlen, könnte das die Stimmung drehen. Zusätzlichen Rückenwind liefert eine Einigung mit der EU-Kommission: Kunden dürfen ihre bestehenden On-Premise-Systeme länger nutzen als ursprünglich geplant. Das schafft Planungssicherheit und beendet einen regulatorischen Streitpunkt.

Bärisches Szenario: Makrorisiken und Kostendruck

Dem stehen ernste Risiken gegenüber. Steigende Preise für Speicherhardware lenken die Aufmerksamkeit der Anleger auf eine unbequeme Frage: Verschieben Kunden ihre IT-Budgets weg von Software und hin zu Hardware? Morningstar bezeichnet die IBM-Aktie in diesem Zusammenhang als „Kanarienvogel in der Kohlengrube“ – IBM war nach einer Gewinnwarnung um rund 25 Prozent eingebrochen.

Hinzu kommen geopolitische Belastungen. SAPs Kundenstamm ist stark im verarbeitenden Gewerbe verankert. Diese Branche reagiert besonders empfindlich auf den Krieg im Iran und steigende Energiekosten. Sollte das Management am Donnerstag von spürbar längeren Verkaufszyklen sprechen, dürfte das nach Einschätzung von Morningstar Zweifel an der Jahresprognose 2026 nähren.

Auch die Kostenseite steht unter Beobachtung. Bloomberg berichtete im Laufe des Quartals, SAP schränke Neueinstellungen außerhalb des KI-Bereichs sowie Dienstreisen ein. Die freiwerdenden Mittel lenkt der Konzern gezielt in KI-Investitionen. Je nach Lesart wirkt das entweder wie disziplinierte Kostensteuerung oder wie ein Zeichen wachsenden Drucks.

Die Saisonstatistik liefert ebenfalls keine Entwarnung. Im Zeitraum zwischen Ende Juli und Anfang Oktober lag die Trefferquote über 25 Jahre nur bei 44 Prozent. Die durchschnittliche Kursentwicklung in dieser Phase betrug minus 4,72 Prozent.

Ausblick: Der 50-Tage-Durchschnitt als Marke

Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 144,49 Euro – deutlich über dem aktuellen Kurs von 135,90 Euro. Diese Marke markiert die Obergrenze der kurzfristigen Handelsspanne, in der sich die Aktie bis Donnerstag bewegen dürfte.

Bleibt das Cloud-Wachstum im erwarteten Korridor von rund 22 Prozent und hält SAP an der Jahresprognose fest, spricht mehr für eine allmähliche Stabilisierung. Die im Vergleich zum Kurs deutlich höheren Analystenkursziele stützen dieses Szenario. Rutscht das Wachstum jedoch merklich unter diese Marke oder mehren sich Hinweise auf längere Verkaufszyklen, dürfte der Abwärtsdruck anhalten – eine Testphase tieferer Kursniveaus würde dann wahrscheinlicher.

Der nächste konkrete Termin steht fest: Donnerstag, 23. Juli, nach US-Börsenschluss. Bis dahin bleibt die Aktie zwischen dem jüngsten Tief und dem 50-Tage-Durchschnitt voraussichtlich volatil.