Neun Analystenhäuser verfolgen SAP, und ihre Kursziele reichen von 120 bis 226 Euro. Die einen sehen eine robuste Cloud-Nachfrage, die anderen bleiben bei neutraler Einstufung und warnen, dass die KI-Erträge auf sich warten lassen. Heute Abend um 22:05 Uhr legt der Konzern die Zahlen zum dritten Quartal vor. Welche Kennzahl trennt dann die beiden Lager? Diese Frage geht direkt an Andreas Sommer.

SAP (DE0007164600) — Schlusskurse 24.04.2026 bis 21.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 21.10.2026.

SAP (DE0007164600) — Schlusskurse 24.04.2026 bis 21.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 21.10.2026.

Trading-Treff Redaktion: Ihr Lager hat die Cloud-Beschleunigung bei SAP unterschätzt. Der vertraglich gesicherte Cloud-Umsatz wächst kräftig, das Rückkaufprogramm läuft. Ist Ihre Skepsis nicht einfach überholt?

Andreas Sommer: Die Zahl bestreite ich nicht. Zum 30. Juni 2026 lag der Current Cloud Backlog bei 22,9 Milliarden Euro, gut ein Viertel über dem Vorjahr. Das ist stark. Mich interessiert allerdings, woraus diese Zahl besteht. Ein erheblicher Teil davon sind Bestandskunden, die von ECC auf S/4HANA umziehen müssen, weil der Mainstream-Support 2027 endet.

Wer dabei einen Cloud-Vertrag unterschreibt, taucht als Wachstum auf, obwohl er vorher schon Wartung an SAP gezahlt hat. Der Markt rechnet diesen Backlog hoch, als käme er jedes Jahr so wieder. Er wird aber von einem Termin getrieben, und dieser Termin kommt nur einmal. Darüber redet heute Abend kaum jemand, weil alle auf die KI schauen.

Trading-Treff Redaktion: Der Analysten-Konsens sieht die KI-Monetarisierung als den Schlüssel für heute Abend. Warum sollte die Mehrheit ausgerechnet da danebenliegen?

Andreas Sommer: Weil dort keiner mehr überrascht werden kann. Alle haben längst gesagt, dass die KI-Erträge Zeit brauchen, und eine so tief gehängte Latte bewegt niemanden. Spannend wird, was neben der KI-Erzählung in den Zahlen steht.

Trading-Treff Redaktion: Dann konkret: Woran messen Sie den Backlog heute Abend?

Andreas Sommer: Am Tempo, nicht am Niveau. Im zweiten Quartal wuchs der Current Cloud Backlog um rund 27 Prozent. Rutscht diese Rate im dritten Quartal klar unter 25 Prozent, obwohl SAP gleichzeitig für 2027 eine Beschleunigung in Aussicht stellt, dann passt etwas nicht zusammen. Das Niveau wird ohnehin steigen, Verträge stapeln sich nun einmal.

Die Abflachung der Wachstumsrate wäre der erste Hinweis, dass die Migrationswelle ihren Scheitelpunkt erreicht. Den zweiten Prüfstein liefert der Gewinn. Bestätigt SAP die Spanne von 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro für das Non-IFRS-Betriebsergebnis 2026, dann kommt das Cloud-Wachstum auch im Ergebnis an. Wackelt sie, wird es ungemütlich.

Trading-Treff Redaktion: Sie sagen, das Wachstum sei geliehen aus der Pflichtmigration. SAP kündigt aber selbst eine Beschleunigung für 2027 an, also ausgerechnet für die Zeit, in der Ihr Effekt auslaufen müsste. Widerlegt das Management Sie nicht schon vorab?

Andreas Sommer: Wenn die Beschleunigung kommt, ja. Hier liegt meine Achillesferse, und ich verstecke sie nicht. Meine ganze These hängt an der Annahme, dass die Migration einen großen Teil des Backlog-Wachstums erklärt.

Zeigt SAP in den nächsten zwei, drei Quartalen, dass Neukunden und Zusatzmodule die Lücke füllen, etwa über KI-Funktionen, die laut Unternehmen in über 90 Prozent der 50 größten Abschlüsse enthalten sind, dann ist diese Annahme hinfällig. Was bliebe dann?

Eine Bewertung, die ich auf rund 205 Euro taxiere, also in etwa beim heutigen Kurs. Kein Drama, nur eben kein Aufwärtspotenzial, das ich herauslesen kann. Die Vorstandskäufe vom Sommer nehme ich zur Kenntnis. Sie zeigen Gleichlauf mit den Aktionären, eine Prognose sind sie nicht.

Trading-Treff Redaktion: Ihr Risiko klingt theoretisch. Über 12.000 RISE-Verträge mit Preiseskalationsklauseln binden die Kunden doch auf Jahre. Wo soll da die Gefahr herkommen?

Andreas Sommer: Die Verträge sind da, und die Klauseln auch. Daraus folgt aber keine Dauerbindung. Mehrjährige Verträge laufen irgendwann aus, und dann landen Preiserhöhungen auf dem Tisch eines Einkäufers, der neu rechnet.

Ab Januar 2027 fallen nach dem EU Data Act die Wechselentgelte bei Cloud-Diensten weg. Das ist genau die Art von technischer und vertraglicher Hürde, auf die sich SAP jahrzehntelang verlassen konnte. Parallel dazu stecken über 8.500 Großunternehmen mitten in der Migration, und wer ohnehin umbaut, holt sich eben auch Angebote von Oracle, Workday oder Microsoft.

Gewiss, die Souveränitätsdebatte in Europa spielt SAP in die Hände, die BSI-Genehmigung für die eigene Cloud-Infrastruktur ist ein echtes Pfund bei Behörden. Das ändert allerdings wenig am Kern: SAP muss seine Kunden künftig mit Nutzen halten. Mit Umzugskosten geht es immer weniger. Ob das gelingt, sieht man nicht im Backlog dieses Quartals, sondern bei den Verlängerungen ab 2027.

Trading-Treff Redaktion: Sie haben die Marke von 25 Prozent Backlog-Wachstum gezogen. Angenommen, SAP hält sie heute Abend: Ist Ihre Skepsis gegenüber dem Pflichtmigrations-Effekt dann erledigt?

Andreas Sommer: Erledigt nicht, vertagt. Ein Quartal über 25 Prozent beweist nur, dass die Welle noch rollt, und das habe ich nie bestritten. Den Beweis führt SAP erst, wenn das Tempo auch dann hält, wenn der Supporttermin 2027 hinter uns liegt und die Wechselentgelte entfallen sind.

Bis dahin zahlt der Markt für eine Kurve, deren steilster Abschnitt womöglich gerade jetzt durchlaufen wird. Qualität hat das Geschäft ohne Zweifel. Der Kurs preist bereits ein, dass sie über den Termin hinaus trägt, und genau diesen Nachweis ist SAP noch schuldig.