Das Bundeskartellamt hat seine Vorermittlungen gegen SAP eingestellt. Für die Aktie ist das eine Randnotiz mit Gewicht: Der Kurs steht bei 156,14 Euro, leicht im Minus mit 0,74 Prozent. Anleger müssen nun einen juristischen Etappensieg gegen ein weiter angeschlagenes Chartbild abwägen.

Ausgangslage: Ein Verfahren fällt weg

Die Bonner Behörde reagierte am Donnerstag auf Vorwürfe des Wettbewerbers Celonis. Der Vorwurf: SAP erschwere technisch den Zugang zu Kundendaten und bevorzuge dabei die eigene Tochter Signavio. Das Kartellamt sieht die API-Richtlinien von SAP als ausreichend und nicht diskriminierend an.

Damit entfällt vorerst das Risiko eines förmlichen Missbrauchsverfahrens. Ein solches Verfahren hätte SAP zu strukturellen Änderungen zwingen können. Kartellamtspräsident Andreas Mundt kündigte trotzdem an, den Datenzugang weiter zu beobachten. Ganz vom Tisch ist das Thema also nicht.

Die entscheidende Frage: Trägt das Cloud-Geschäft allein?

Der Halbleiter-Boom befeuerte lange auch die Softwarebranche. Genau dieser Rückenwind lässt jetzt nach. Für SAP verschiebt sich damit die zentrale Frage: Kann der Konzern sein zweistelliges Cloud-Wachstum halten, wenn ein wichtiger Konjunkturtreiber wegbricht?

Entscheidend wird sein, ob SAP die Cloud-Marge trotz hoher KI-Investitionen stabil hält. Das Unternehmen steckt bei einer Jahresperformance von minus 25,47 Prozent unter Druck, das zu beweisen.

Bullisches Szenario: Freiheit nutzen, Cloud-Boom mitnehmen

Die gewonnene Handlungsfreiheit spricht für SAP. Ohne drohende Auflagen kann der Konzern seine Plattform-Strategie ungebremst weiterentwickeln. Das Joint Venture SAP Fioneer profitiert davon unmittelbar – es baut mit dem „Cloud Accounting Subledger“ gerade seine Präsenz im Finanzdienstleistungssektor aus und setzt auf die S/4HANA Public Cloud.

Auch das Marktumfeld für Cloud-Dienste bleibt stark. Amazon meldete für AWS ein Umsatzplus von 37 Prozent. Der Hunger der Unternehmen nach Cloud-Infrastruktur ist also ungebrochen. Kann SAP ähnliche Wachstumsraten zeigen, hätte der Kurs Argumente für eine Trendwende – zumal der RSI von 61,6 noch Luft nach oben lässt, bevor die Aktie technisch überkauft wäre.

Bärisches Szenario: Das Chartbild bleibt schwach

Der Blick auf die längerfristigen Linien dämpft den Optimismus. Der Kurs notiert zwar über dem 50-Tage-Durchschnitt, aber immer noch gut zehn Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 174,66 Euro. Diese Marke bleibt der entscheidende Widerstand. Solange sie nicht fällt, bleibt das übergeordnete Bild bärisch.

Das gesamtwirtschaftliche Umfeld hilft nicht. Deutschlands BIP wuchs im zweiten Quartal nur um 0,2 Prozent – für SAPs Kernkundschaft ein schwaches Signal für neue Investitionen. Hinzu kommt: Die Beobachtung durch das Kartellamt läuft weiter. Legen Wettbewerber neue Beweise vor, kann das Verfahren jederzeit neu aufgerollt werden. Die hohe Volatilität der Aktie zeigt zudem, wie heftig der Kurs reagieren könnte, sollte SAP bei kommenden Zahlen die Gewinnerwartungen verfehlen.

Ausblick: Die 50-Tage-Linie als Prüfstein

Die kommenden Wochen entscheiden sich an einer einfachen Frage: Hält der Kurs die Marke von 144,43 Euro, dem 50-Tage-Durchschnitt? Solange das gelingt, spricht die regulatorische Entlastung für eine Bodenbildung. Rutscht die Aktie darunter, rückt das 52-Wochen-Tief bei 127,52 Euro wieder in Reichweite.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der kommende Quartalsbericht mit detaillierten Cloud-Zahlen. Entscheidend wird, ob SAP die Bremswirkung aus dem Chip-Sektor durch neue KI-Cloud-Kunden ausgleichen kann. Ein nachhaltiger Ausbruch über die 200-Tage-Linie wäre das Signal, das die negative Dynamik seit Jahresbeginn wirklich bricht. Bis dahin bleibt SAP trotz des juristischen Etappensiegs ein Fall für Geduld.