Manchmal ist das Ausbleiben einer schlechten Nachricht selbst die Nachricht. Bei SAP verdichtet sich gerade genau das zu einem Muster: Gleich zwei Wettbewerbshüter haben in den vergangenen Wochen ihre Prüfungen gegen den Walldorfer Konzern beendet, ohne neue Auflagen zu verhängen, die das Geschäftsmodell ernsthaft einschränken würden.
Für einen Softwareriesen, der über Jahrzehnte zum unumgänglichen Rückgrat europäischer Konzern-IT wurde, ist das mehr als eine juristische Randnotiz. Es ist eine Bestätigung, dass die Marktmacht bislang innerhalb der Leitplanken bleibt.
Die Europäische Kommission schloss ihr Kartellverfahren zu SAPs Wartungs- und Support-Praktiken am 9. Juli ab und akzeptierte ein verbindliches Maßnahmenpaket, das die globalen Geschäfte des Konzerns für die kommende Dekade regelt.
Kunden dürfen ihre SAP-Landschaft künftig aufteilen und für Teilbereiche andere Support-Anbieter wählen, Verträge lassen sich unter bestimmten Bedingungen kündigen, und wer eine Wartungspause einlegt, zahlt bei der Rückkehr keine Wiederaufnahmegebühr mehr.
Drei Wochen später, am 30. Juli, legte das Bundeskartellamt nach: Die Vorprüfung gegen SAP wurde abgeschlossen, ein Missbrauchsverfahren ist derzeit nicht beabsichtigt.
Die Behörde hielt fest, dass die Datenextraktion zwar technisch anspruchsvoll bleibt, aber verschiedene zulässige und tragfähige Optionen bestehen — und dass die im Frühjahr veröffentlichte API-Policy frühere Extraktionsmöglichkeiten nicht automatisch verdrängt.
Regulatorische Ruhe trifft auf ein Unternehmen im Umbau
Diese Entwarnung fällt in eine Phase, in der SAP ohnehin viel Kapital bewegt. Die Übernahmen von Dremio und Prior Labs, beide binnen weniger Wochen abgeschlossen, sollen das Unternehmen tiefer in die agentische KI und in tabellarische Foundation Models hineintragen.
Prior Labs bleibt dabei als eigenständige Marke bestehen, SAP will über die nächsten vier Jahre mehr als eine Milliarde Euro in diesen Bereich stecken.
Wer sich fragt, warum ein Konzern mit derart etablierten Cloud-Zahlen — der Current Cloud Backlog wuchs im zweiten Quartal um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro, die Cloud-ERP-Suite legte um 25 Prozent zu — überhaupt noch zukauft, bekommt hier die Antwort: Wachstum allein reicht nicht mehr, es geht um die nächste Plattform-Generation.
Genau an diesem Punkt setzte vor gut einer Woche die Skepsis der UBS an, die SAP von „Buy“ auf „Neutral“ zurückstufte, das Kursziel aber gleichzeitig von 164 auf 201 Euro anhob — ein Widerspruch, der die Verunsicherung im Markt gut abbildet.
Die Sorge: Die Umsetzung der KI-Agenten verläuft langsamer, als es der Aktienkurs zuletzt eingepreist hatte. Barclays hatte schon Ende Juli sein Kursziel von 255 auf 220 Euro gesenkt, die Einstufung „Overweight“ aber beibehalten und die Reduktion mit weniger vorhersehbaren Kosten begründet.
Wer kauft, wenn die Bewertung schwankt
Interessant wird es, wenn man auf die Insider schaut. Vorstandsmitglied Thomas Heinrich Saueressig kaufte am 26. August 1.500 Aktien zu je 178,30 Euro, ein Volumen von rund 267.000 Euro. Zwei Wochen zuvor, am 14. August, erwarb ein weiterer Insider 1.700 Aktien zu 179,15 Euro.
Parallel dazu meldete BlackRock Anfang August einen Stimmrechtsanteil von 6,75 Prozent, ein minimaler Zuwachs gegenüber der vorherigen Meldung. Käufe aus den eigenen Reihen und ein leicht wachsender Großinvestor sprechen jedenfalls nicht für Torschlusspanik im Management.
Der Kurs selbst zeigt derweil die Nervosität des Gesamtjahres: Auf Sicht von zwölf Monaten steht ein Rückgang von 22 Prozent, seit Jahresanfang sind es 13 Prozent. Zugleich liegt die Aktie 14 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt, ein Zeichen, dass sich zuletzt wieder Kaufinteresse aufgebaut hat, auch wenn der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von Ende Oktober mit 25 Prozent beträchtlich bleibt.
Was bleibt, ist ein Konzern, der regulatorisch Boden gutmacht, während er sich strategisch neu sortiert. Die Frage, ob die milliardenschweren KI-Wetten schneller Früchte tragen als es die jüngsten Kurszielsenkungen unterstellen, wird sich nicht an Kartellbescheiden entscheiden — sondern daran, wie schnell aus angekündigten Agenten tatsächlich zahlende Kunden werden.
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