SAP kappt die Gewinnprognose – und die Aktie schießt trotzdem nach oben. Der Softwarekonzern schloss am Freitag bei 140,80 Euro, ein Plus von 9,15 Prozent. Das ist der stärkste Tagesgewinn seit Monaten, und er kommt nur einen Tag nach einem neuen Jahrestief.

Die entscheidende Kennzahl

Der Kurssprung fußt fast ausschließlich auf einer Zahl: dem Current Cloud Backlog. Dieser Auftragsbestand wuchs im zweiten Quartal 2026 um 27 Prozent auf 22,92 Milliarden Euro. Das Tempo lag sogar über dem Wachstum zu Jahresbeginn.

Der Ausblick sinkt dagegen spürbar. SAP rechnet beim bereinigten Ergebnis vor Zinsen und Steuern nun mit 13 bis 17 Prozent Wachstum, statt der bisherigen 14 bis 18 Prozent.

Damit steht die zentrale Frage für die kommenden Monate fest. Setzt sich die Dynamik im Auftragsbestand fort und wird zu echtem Umsatz? Oder bleibt die Profitabilität durch Integrationskosten dauerhaft belastet?

Bullisches Szenario: Cloud-Geschäft liefert Tempo

Die Zahlen im Kerngeschäft sprechen für eine Stabilisierung. Die Cloud-Umsätze legten um 24 Prozent auf 6,28 Milliarden Euro zu.

Noch deutlicher zeigt sich die Stärke bei der Cloud-ERP-Suite, SAPs wichtigstem Produkt. Die Erlöse wuchsen um 27 Prozent auf 5,53 Milliarden Euro.

Jefferies-Analyst Charles Brennan wertet den starken Auftragsbestand als Signal für die kommenden Quartale. Die Kennzahl widerlege die zuletzt aufgekommene Zurückhaltung vieler Investoren, so seine Einschätzung. SAP hält zudem an seiner Jahresprognose fürs Cloud-Geschäft fest: Für 2026 erwartet der Konzern weiterhin Cloud-Umsätze zwischen 25,8 und 26,2 Milliarden Euro.

Der positive Impuls strahlte auf den gesamten Softwaresektor aus. Das deutet auf eine breitere Entlastung hin, nicht nur auf ein isoliertes SAP-Phänomen.

Bärisches Szenario: Margendruck bleibt real

Die Gewinnwarnung verschwindet trotz der Kursfreude nicht einfach. Grund für die gesenkte Prognose sind die im Juli abgeschlossenen Übernahmen von Dremio und Prior Labs. Finanzchef Dominik Asam erklärte in einer Telefonkonferenz, beide Zukäufe würden im zweiten Halbjahr Verluste einbringen.

Auch operativ blieb SAP hinter den Erwartungen zurück. Das operative Ergebnis stieg nur um 7 Prozent auf 2,74 Milliarden Euro.

Parallel dazu schrumpft das klassische Lizenzgeschäft weiter drastisch. Die Softwarelizenzerlöse brachen um 32 Prozent auf 131 Millionen Euro ein – ein struktureller Umbau, der kurzfristig Ergebnisdruck erzeugt.

Das übergeordnete Bild bleibt fragil. Zum 200-Tage-Durchschnitt von 173,78 Euro fehlen der Aktie noch fast 19 Prozent. Ein einzelner starker Handelstag ändert an dieser relativen Schwäche wenig.

Sollte sich in den kommenden Quartalen zeigen, dass die Integration der Zukäufe die Margen stärker belastet als angenommen, könnte die Erleichterungsrally schnell wieder abebben. Das Gleiche gilt, falls sich das Cloud-Wachstum weiter verlangsamt – ein Trend, der sich im Vorquartalsvergleich bereits angedeutet hat.

Ausblick: Zwei mögliche Wege

Hält der Current Cloud Backlog seine zweistelligen Wachstumsraten und begrenzt SAP die Integrationskosten wie angekündigt, spricht mehr für eine fortgesetzte Erholung. Die nächste Marke wäre der 100-Tage-Durchschnitt bei 147,73 Euro.

Rutscht die Aktie dagegen unter den 50-Tage-Durchschnitt von 144,01 Euro zurück, dürfte der Abwärtstrend schnell wieder das Bild bestimmen. Enttäuschende Kennzahlen zur operativen Marge könnten diesen Rückfall zusätzlich beschleunigen.

Der nächste konkrete Prüfstein: wie sich die Integration von Dremio und Prior Labs im weiteren Jahresverlauf auf die Profitabilität auswirkt. Ebenso entscheidend wird, ob SAP die für 2026 angepeilte Cloud-Umsatzspanne von 25,8 bis 26,2 Milliarden Euro in den kommenden Quartalsberichten bestätigt.